Heu und Stroh statt Büro - Industriekaufmann verkauft Heu

Heu und Stroh statt Büro - Industriekaufmann verkauft Heu

Der Industriekaufmann Karl-Otto Heinrichs verkauft sehr erfolgreich Heu. Zurück hinter den Schreibtisch möchte er nicht.

Burscheid. Wahrscheinlich jeder Burscheider hat ihn schon einmal gesehen, den roten Trecker von Karl-Otto Heinrichs (55). Mit dem Gefährt fährt Heinrichs Stroh und Heu durch das Bergische Land — und verkauft es. Doch das war nicht immer so: 30 Jahre lang war Heinrichs Industriekaufmann bei Schmitz & Schulte. Den elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb am Irlerhof führte er nur nebenbei.

„Als die Firma dann 1997 Konkurs ging, war ich noch einige Jahre in einer Nachfolgefirma. Danach habe ich mich auf neue Stellen beworben“, sagt der 55-Jährige. Doch als älterer Arbeitnehmer hatte der Burscheider es schwer. „Ich habe viele Absagen bekommen, einige Arbeitgeber haben ganz konkret gesagt, dass sie sich ,etwas Jüngeres’ vorgestellt hatten“, erzählt Heinrichs.

„Dann habe ich die Not zur Tugend gemacht.“ Heinrichs meldet 2000 ein Gewerbe an. Seine Firma heißt „Rund um die Natur“. Anfangs hält er sich mit Aufträgen von Privatleuten über Wasser. „Ich habe beispielsweise Rasen gemäht oder Hecken geschnitten“, erinnert sich Heinrichs. „Die ersten Jahren waren finanziell noch nicht so gut.“

Zehn Jahre später nimmt Heinrichs kaum noch kleine Aufträge an. „Ich habe einen guten Kundenstamm.“ Er bietet seine Dienstleistungen bei einem Kölner Golfclub an — und vor allem lebt er davon, dass er Heu und Stroh verkauft. Bis zum vergangenen Jahr hat Heinrichs auch Kaminholz im Angebot, doch das lohnt sich finanziell nicht mehr.

Das Strohgeschäft ist ein reines Handelsgeschäft. Mit seinem roten Trecker fährt der 55-Jährige mitunter bis nach Grevenbroich, wo er das Stroh kauft. Abnehmer hat er im gesamten Rhein-Wupper-Gebiet. Er beliefert alles, was nördlich von Burscheid ist: das ganze Oberbergische. „Da habe ich scheinbar eine Marktlücke entdeckt“, sagt Heinrichs bescheiden.

Aber nicht nur diese Marktlücke hat er entdeckt. Auch sein Heu verkauft sich gut. In Burscheid hat Heinrichs knapp 15 Hektar Grünland. „Da produziere ich Heu für andere.“ Neben den großen Heuballen (Foto links) produziert Heinrichs insbesondere kleinere Heuballen (Foto oben). „Die wiegen etwa 15 Kilo, während die großen 300 Kilogramm wiegen“, erklärt er. Die Nachfrage ist groß. Die kleinen Ballen eignen sich insbesondere für kleine Betriebe. „Ich beliefere sehr viele Pferdebesitzer.“ Die Erklärung: Wenn jemand nur drei Pferde hat, könne er mit großen Ballen nichts anfangen. Und im Bergischen gibt es laut Heinrichs nur wenige Anbieter.

Den Büro und seinen Schreibtisch vermisst er nicht. „Ich mache den ganzen Tag etwas, das mir Spaß macht“, sagt der 55-Jährige. Und mit seiner Liebe zur Natur und der Arbeit draußen hat er auch seinen Sohn Thomas (15) angesteckt. Der hilft seinem Vater, wo er nur kann und freut sich besonders darauf, wenn er selbst mit 16 Jahren Traktor fahren darf.

Aber nicht nur der Alltag hat sich für die Familie geändert, auch die Freizeit. „Der Urlaub konzentriert sich auf den Winter.“ Statt an den Strand, fährt Heinrichs mit seiner Frau Inge im Winter Skifahren. „Im Sommer ist Hochsaison, was Heu und Stroh angeht. Da bin ich ab fünf Uhr auf dem Feld und mache keine Pause.“ Diese verlorene Zeit holt sich der 55-Jährige im Winter zurück. „Mein neuer Job gibt mir ein Stück Freiheit im Leben“.

Wie lange Heinrichs noch auf den Feldern stehen wird, weiß er nicht. „Ich habe noch neun Ernten“, sagt er scherzhaft. „Aber, wenn es körperlich geht, mache ich auch nach 65 noch weiter.“

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