Klosterhalfen geht belastet vom Salazar-Skandal ins wichtigste Rennen

Umstrittenes Nike Oregon Project : Klosterhalfen geht belastet vom Salazar-Skandal ins wichtigste Rennen

Den schmutzigen Details aus dem Bericht der amerikanischen Dopingjäger im Fall Salazar zum Trotz: Das deutsche Toptalent will nach Oregon zurückkehren. Zuvor steht erstmal ihr Auftritt im 5000-Meter-Finale an.

Tapfer und ohne zurückzuweichen stellte sich Konstanze Klosterhalfen den Fragen, die auf die zierliche Ausnahmeläuferin einprasselten. Die WM-Auftritte der deutschen Medaillenhoffnung stehen in Doha ganz im Schatten des Doping-Skandals um Alberto Salazar. Mit dieser Last bestreitet die 22-jährige Leverkusenerin am Samstag (20.25 Uhr) das wichtigste Rennen ihrer Karriere. Klosterhalfen will auch künftig im Nike Oregon Project in den USA trainieren, wie sie nach ihrem souveränen Vorlauf über 5000 Meter überraschend deutlich sagte: „Das bleibt das beste Team der Welt.“

Der Deutsche Leichtathletik-Verband reagierte nach der vierjährigen Sperre für Starcoach und Oregon-Chef Salazar bislang eher hilflos. Abgesehen davon, dass gegen Klosterhalfen nichts vorliegt und der Verband sein Toptalent nicht in Sippenhaft nehmen kann: Generalausrüster beim DLV mit einem Vertrag bis 2028 ist - Nike.

Klosterhalfen selbst will „auf keinen Fall“ Konsequenzen ziehen und wird damit leben müssen, dass ihre Erfolge noch kritischer beäugt werden. „Ich weiß für mich und alle, die drumherum sind und Einblicke haben, was da passiert und was nicht passiert. Doping ist da nie ein Thema“, sagte die deutsche Rekordhalterin. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA machte derweil noch deutlicher, was wenige Jahre vor Klosterhalfens Wechsel nach Oregon auf dem berühmt-berüchtigten Campus passiert ist.

„Die Athleten waren Versuchstiere, so muss man es sagen“, urteilte USADA-Chef Travis Tygart im Interview mit ZDF Sport Extra. Man habe den Sportlern keine Chance gegeben, „Medikamente oder verbotene Methoden von ihm oder seinem Arzt Jeffrey Brown abzulehnen“. Nach Aussage des Anwalts ist kein WM-Teilnehmer von Doha in den Fall Salazar verwickelt - also nicht in die abgeschlossenen, vier Jahre andauernden Ermittlungen. „Wir hatten Aussagen von zehn anderen Sportlern, die im NOP (Nike Oregon Project) zwischen 2010 bis 2014 dabei waren. Alle von ihnen haben uns ihre medizinischen Auswertungen zur Verfügung gestellt“, erklärte Tygart.

Der ebenfalls gesperrte Brown habe nicht zu Aussagen bewegt werden können. „Das gesamte Umfeld im NOP hat versucht, alles zu verheimlichen“, sagte Tygart. „Was wir feststellen konnten war, dass medizinische Experimente an Sportlern vorgenommen wurden, mit hochgradig gefährlichen Medikamenten, nicht nur Testosteron, sondern noch anderen verbotenen Dopingmitteln.“

Klosterhalfen war über diese Nachrichten „schockiert“ und „ein bisschen traurig“. Den Mediziner Brown kenne sie gar nicht, und wie so oft in den vergangenen Monaten betonte sie, dass ja Pete Julian ihr Trainer sei. Der 48-Jährige war Assistent von Salazar.

„Andere beschäftigen sich damit mehr als wir Athleten selbst“, sagte Klosterhalfen. Die aktuellen Athleten im Salazar-Stall, „waren auch noch Babys, als das passiert ist“.

Die Amerikanerin Jenny Simpson, Ex-Weltmeisterin über 1500 Meter, fand für die Vorgänge andere Worte: „Jeder, der jetzt schockiert ist, ist nicht in diesem Sport involviert.“ Und: „Jeder, der sich auch nur ein bisschen in diesem Sport auskennt, weiß, dass ein Schatten über dieser Gruppe liegt.“ Sie sei eine Verfechterin von lebenslangen Sperren und forderte diese auch für Salazar: „Schmeißt ihn raus!“

Klosterhalfen trainiert seit dem vergangenen Jahr in Oregon und hat danach sechs deutsche Rekorde pulverisiert. Sie ist die große deutsche Medaillenhoffnung für den 5000-Meter-Endlauf am Samstag im Khalifa-Stadion. Klosterhalfen schwört auf das NOP mit seinen hochprofessionellen Einrichtungen. „Ich freue mich schon darauf, nach der Saison wieder dahin zu gehen und besser und schneller zu werden“, erklärte sie.

Vor dem Endlauf der Hallen-Vize-Europameisterin bestreitet am Samstag die Niederländerin Safin Hassan die 1500 Meter. Sie trainiert ebenfalls in Portland und holte in Doha bereits Gold über 10 000 Meter.

Der DLV will sich mit den Vorgängen im Nike Oregon Project nach der WM ausführlich beschäftigen. „Es ist für uns wichtig, uns in die Unterlagen einzuarbeiten und die Positionen zu bewerten. Wir werden das im Nachhinein sehr intensiv gestalten und in den Austausch treten“, sagte Generaldirektor Idriss Gonschinska. Klosterhalfen unterwerfe sich dem nationalen und internationalen Kontrollsystem. „Es gab bisher keine Beanstandungen.“ Die Läuferin sei eine mündige Athletin. Kurz: Es wird für den DLV, der sich den Anti-Doping-Kampf auf die Fahnen geheftet hat, schwierig, sein Toptalent davon überzeugen, künftig nicht in diesem schwer belasteten Camp zu trainieren.

Mächtig unter Druck steht NOP-Sponsor Nike. Der Sportartikelhersteller hat flugs angekündigt, Salazar bei seinem Einspruch gegen die Sperre zu unterstützen. USADA-Boss Tygart sagte an die Geldgeber gerichtet: „Nike sollte die Unterstützung für diese Sportler erhöhen, sie kompensieren und aufzeigen, dass dieses Verhalten, Sportler als Versuchstiere zu halten, falsch war und nicht mehr wieder vorkommen wird.“

(dpa)
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