Toronto: Kaufrausch unter und über der Erde

Toronto: Kaufrausch unter und über der Erde

Wo Al Capone einst seinen Schnaps trank und Stararchitekten das Stadtbild prägten.

Toronto. Toronto ist über und unter der Erde ein Erlebnis. Die Metropole stürzt ihre Besucher in einen wahren Taumel der Gefühle - Kanadas größte Stadt lockt mit Höhen und Tiefen. Und das kann man durchaus wörtlich nehmen. Beim Dinner im CN-Tower etwa liegt dem Besucher die Stadt zu Füßen. Gemächlich rotiert das feine Restaurant im Uhrzeigersinn auf der Spitze des mit 553Metern weltweit höchsten freistehenden Turms.

Mal himmelhoch, mal tief in den Abgrund: Nicht nur, wenn im Winter ein eisiger Wind durch Toronto fegt, zieht es die Menschen in ein 27Kilometer langes Tunnelsystem für Fußgänger. Über ein unüberschaubares Sammelsurium blitzsauberer Rolltreppen geht es hinab in die Tiefe. Dorthin, wo sich endlose Passagen mit einer Vielzahl von Läden, Märkten, Restaurants, Bars und Cafés erstrecken.

Shopping-Paläste strotzen vor Marmor, Glas, Messing und Stahl. Mehr als 50Gebäude wie Bahnhöfe, Kaufhäuser und Banken sind an "Path" angeschlossen, das als größtes unterirdisches Einkaufszentrum im Guinnessbuch der Rekorde seinen Stammplatz hat.

Damit sich niemand verirrt, zeigen bunte Wegweiser die Himmelsrichtungen an. Dennoch verlaufen sich selbst Einheimische schon mal in diesem ständig wachsenden Netzwerk unter Tage. Langfristig soll es sogar auf 60Kilometer erweitert werden. Ein wenig beängstigend schon, aber nicht bedrohlich: "Toronto is safe and clean", bestätigt Stadtführer Lorenz Merket. Sicher, weil man auch nach Mitternacht unbelästigt seinen Heimweg findet. Und so sauber, dass einmal für Dreharbeiten zu einem Kinofilm Unrat herbeigeschafft werden musste - einige der Szenen spielten nämlich in New York...

An Wochenenden tauchen sie dann aber doch auf, die "Unterweltler": Die Menschen genießen Sonne und blauen Himmel, bummeln durch die "Harbourfront" am Ontario See, wo sich in ehemaligen Fabriken Geschäfte, Restaurants und Kunstgalerien etabliert haben. Oder sie finden sich im chinesischen, italienischen und griechischen Viertel wieder.

Die Metropole gilt als das wirtschaftliche und multikulturelle Herz der kanadischen Provinz Ontario. Mehr als 100 Nationen haben hier eine neue Heimat gefunden. In "Little Italy" wohnen angeblich mehr Italiener als in Florenz, und Torontos "Chinatown" soll nach San Francisco die zweitgrößte chinesische Ansiedlung auf dem amerikanischen Kontinent sein.

Zwischen Spandina Avenue und Dundas Street warten Gewürze und Kräuter aus Asien, in bunten Körben drapiert, auf Käufer, während ein paar Straßenecken weiter auf dem von sonnengelben und fliederfarbigen Häusern umsäumten Kensington Market Afrikaner, Portugiesen und Japaner Kunst und Kitsch aus der Heimat anbieten. "Viele Einwanderer leben schon seit Generationen in ihren Vierteln", beschreibt Stadtführer Market die multikulturellen Schnappschüsse.

Stolz verweist der Guide auch auf die Kunst- und Kulturszene, die die Stadt lebendig hält. So wurde die Art Gallery Ontario im vergangenen Jahr wiedereröffnet und das Royal Ontario Museum, Kanadas größtes Geschichts- und Kulturmuseum, um einen neuen Teil erweitert. Der Entwurf für den wie ein Kristallsplitter aus dem Bauwerk ragenden Trakt stammt von Stararchitekt Daniel Liebeskind.

Abstrakte Blüten treibt die Kunst in Vierteln wie Queen Street oder Trafalgar Square. Hier haben sich Galerien, Shops und Szenelokale einquartiert. Ähnlich wie im Distillery District, wo noch im 19.Jahrhundert "harter Stoff" produziert wurde. Hunderte Boutiquen und Feinschmeckerläden buhlen mit Kitschig-Kuriosem oder feinem Ambiente um Aufmerksamkeit. Vielerlei wird angeboten: Von teuren Glasskulpturen im sechsstelligen Dollarbereich über japanische Möbel - made in Toronto - bis zu hausgemachten Pralinen für extraordinären Geschmack.

Ein Hingucker in der Stadt ist das "Bügeleisenhaus" an der Front Street. In dem Bauwerk aus rotem Backstein, 1892 erbaut, hatte einst die Schnapsfabrik Gooderham ihren Sitz. Von hier aus machte der emsige Alkoholversorger in der Prohibitionszeit auch mit Al Capone so gute Geschäfte, dass eine eigene Bank entstand - gleich nebenan.

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