Navarra: Impressionen aus Spaniens Norden – und aus einer Wüste, die eigentlich keine ist Zwischen Fiesta und Filmkulisse

Von Robert Möginger

Die Erdpyramide Castil de Tierra, das  Wahrzeichen der Bardenas Reales – die wüstenähnliche Region ist ein geologisches Unikum mitten in Europa .

Die Erdpyramide Castil de Tierra, das  Wahrzeichen der Bardenas Reales – die wüstenähnliche Region ist ein geologisches Unikum mitten in Europa .

Foto: Navarra Foto: Robert Möginger

„Hemingway? War der nicht mal bei Real Madrid?“ Die Frage, ob der Mann für sie noch eine Rolle spiele, amüsiert die jugendliche Clique in Feierlaune sichtlich. Aber eine ernsthafte Antwort ist heute nicht mehr zu erwarten. Ihm, dem Autor von „Fiesta“ und „Tod am Nachmittag“ hätte die Witzelei vielleicht ja sogar gefallen, ausgerechnet in seinem einstigen Wohnzimmer, dem legendären Café Iruña. Im Nebenraum haben sie dem illustren Stammgast sogar eine lebensgroße Statue gewidmet - immerhin sorgt er schon seit 100 Jahren zuverlässig für Kundschaft, vor allem aus Übersee. Aufreizend lässig lehnt er da am Tresen, umgeben von Cognac- und Cavaflaschen.

Ereignis des Jahres: Die Sanfermines zu Ehren des Heiligen

Es ist ein Freitagabend in Pamplona oder, wie die Stadt auf baskisch heißt: Iruña – dem Lieblingsort des Romanciers, Trinkers, Machos, Stierkampf-Aficionados, alle Welt scheint auf den Beinen zu sein. Jung und alt flanieren entlang der Arkaden auf der weitläufigen Plaza del Castillo, schieben sich durch die enge Calle San Nicolás, von einer Tapas-Bar zur nächsten. Spanisch-baskisches Stimmengewirr und verlockende Essensdüfte liegen in der Luft, dazu die Vorfreude auf das Ereignis des Jahres: die Sanfermines, zu Ehren des Heiligen Firmin von Amiens.

„Sonntag mittag, den 6. Juli, brach die Fiesta aus. Es gibt keinen anderen Ausdruck dafür.“ So beschreibt Hemingway den Beginn des alljährlichen Ausnahmezustands. Bis 14. Juli dauert die größte Party der Region, und der Hauptakt ist zweifellos der „Encierro“, der Stierlauf, der jeden Tag um punkt 8 Uhr morgens die Stadt zum Beben bringt. Sechs Kampfstiere, flankiert von Ochsen, die auf die Stiere beruhigend wirken sollen, rasen dabei durch die Gassen bis in die Arena, wo sie schon der Matador erwartet. Mit ihnen, hinter ihnen und vor ihnen her rennen Männer und auch einige Frauen in weißer Kleidung und roten Halstüchern, berühren die Tiere, feuern sie an, provozieren. Kaum drei Minuten dauert die atemlose Hatz, nicht selten bleiben Teilnehmer auf der 875 Meter langen Strecke: Gestürzt, von einem 600-Kilo-Stier umgerissen, oder schlimmer: Auf die Hörner genommen, gar aufgeschlitzt. Restalkohol und Schlafmangel tun ein Übriges. Eine simple Messingplakette erinnert an die Toten und Schwerverletzten des Rituals - seit 1924 verloren 15 Menschen ihr Leben während der archaischen Mutprobe.

Gute Gründe, um nach Pamplona zu reisen, gibt es aber auch abseits der „Fiesta“ reichlich. Die Kapitale der kleinen autonomen Region Navarra hat nicht nur eine bezaubernde Altstadt, sondern ist auch perfekter Ausgangspunkt für Touren durch enorm abwechslungsreiche Landschaften mit langer Geschichte. Gerade einmal 40 km sind es zum Beispiel bis in die Pyrenäen, wo Hemingway gern Forellen fischte.

Etappen auf dem
Weg nach Santiago

Bei Roncesvalles treffen die wichtigsten Pilgerwege in Richtung Santiago de Compostela zusammen. Puente La Reina, südlich von Pamplona, gilt Pilgern bis heute als bedeutendes Etappenziel, denn auf der malerischen Steinbrücke aus dem 11. Jahrhundert vereinigen sich die Zweige zu einem einzigen Jakobsweg - „nur noch“ 28 Tagesetappen sind es von hier bis ans Ziel in Galicien. Der Strom der Pilger, bereits im frühen Mittelalter ein Segen für Händler und Wirte, hat sich zu einem veritablen Wirtschaftsfaktor für Navarra entwickelt. Nach der „Corona-Delle“ 2020 und 2021 machten sich im Jahr 2022 mehr als 438 000 Wanderer auf den Weg und gaben unterwegs im Schnitt 35-50 Euro täglich für Herberge und Verpflegung aus - ein Rekord. Immerhin 23.200 Deutsche waren darunter - womöglich inspiriert von Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“.
Ein besonderer Aussichtspunkt ist der Alto del Perdón, der „Berg der Läuterung“, auf einem luftigen Höhenzug am Jakobsweg oberhalb Pamplonas gelegen. Von dort weitet sich der Blick auf die Stadt und in eine schier endlose Ebene. Der Legende nach soll hier der Teufel einem verdurstenden Pilger frisches Quellwassser geboten haben, wenn dieser nur seinem Glauben abschwörte. Als dieser jedoch lieber sterben wollte, erschien ihm Santiago, der Heilige Jakob selbst, und führte den braven Mann zur nahen Fuente de Reniega, der „Quelle der Abkehr“.

Wie bedeutend das Königreich Navarra einmal war, lässt sich im Städtchen Olite nachvollziehen. Der grandiose gotische Palacio Real, Anfang des 15. Jahrhunderts von König Karl III, des „Edelmütigen“ als Residenz erbaut, gilt wegen seiner Postkarten-Ansicht mit den vielen Türmen und Zinnen als „Neuschwanstein Navarras“. Nach dem Ende der Unabhängigkeit Navarras verfiel der Prachtbau, und erst in den 1930er Jahren wurde er nach alten Plänen wiederaufgebaut - heute zur Freude der Besucher mit Handykameras und Selfie-Sticks.

Las Bardenas Reales, eine Steppe aus Lehm – keine Wüste

Ein absolutes Unikum geologischer Art erstreckt sich im Süden Navarras: Die Bardenas Reales, ein 415 Quadratkilometer großes, menschenleeres Wüstengebiet mitten in Europa. Eine Wüste? Mikel Olla widerspricht entschieden: „Das ist eine Steppe aus tonhaltigem Lehm, keine Wüste“. Und die sei voller Leben. Hasen, Schwarz- und Rotwild durchstreiften die Ebenen, während Lerchen und Rebhühner zwischen Wacholder und Espartogras brüteten. Der hagere 55jährige deutet auf einen Schatten am Himmel: „Mira, el buitre! Der Gänsegeier hat das alles im Blick.“ Mikels Familie lebt seit Generationen mit den Bardenas. Der Großvater rang dem schwierigen Terrain ein paar Ackerflächen am Rande für genügsamen Weizen ab. Heute führt der Enkel staunende Touristen mitten durch das unwegsame Gelände.

In Jahrmillionen aus Sedimenten eines Ur-Ozeans geformte Tafelberge, erstarrte Dünen aus Gips und ockerfarbenem Ton, bizarre Canyons sind heute gesuchte Locations für Filmteams aus aller Welt. Ob James Bond („Die Welt ist nicht genug“ mit Pierce Brosnan) oder die Kult-Serie Game of Thrones – wer eine Mondkulisse braucht, wird hier fündig. Seit die Bardenas 2000 von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt wurden, kommen immer mehr Besucher, um das fantastische Licht, die Stille und die bizarren Konturen zu erleben. Inzwischen schon ein Problem: Befahren darf man nur ausgewiesene Straßen und Pisten - daran hält sich nicht jeder SUV-Fahrer, und Ranger gibt es in dem riesigen Areal einfach zu wenige. Nicht nur für die Generation Instagram ein Highlight ist die eindrucksvolle Erdpyramide Castil de Tierra, das Wahrzeichen der Bardenas. „Schon seltsam“, philosophiert Mikel, „früher einfach bloß ein Haufen Lehm, jetzt eine Attraktion“. Was hätte wohl Hemingway dazu gesagt?

Der Autor reiste mit Unterstützung des Spanischen Fremdenverkehrsamts

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