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Wuppertaler Kirchenkolumne mit Werner Kleine

Kirche : Zurück in die Gegenwart

Zukunft – das ist ein Wort voller Hoffnung und Verheißung. Nicht nur Politiker benutzen es gerne, wenn sie eine Gegenwart flugs kompensieren möchten, die so gar nicht verheißungsvoll ist. Auch Kirchenleute reden gerne von Entwicklungen und Wegen der Zukunft obwohl doch die Gegenwart schon genug Herausforderungen bereithält.

Die Zukunft ist eben nie bloß Verheißung; sie ist auch eine hervorragende Gelegenheit für Verantwortungsträger aller Art, sich der Lust der Prokrastination hinzugeben und die drängend anstehenden Aufgaben zugunsten traumwandlerischer Visionen und namhafter Lebensträume auf die lange Bank zu schieben. Was glauben Sie denn?

Die Kirchen sind immer dabei, die Zukunft zu gestalten. Da ist die Rede von Zukunftswegen, Zukunftsbildern oder Zukunftsprozessen. Angesichts statistischer Prognosen, die für das Jahr 2030 eine Halbierung personeller Ressourcen trotz gleichbleibend hohen Kirchensteueraufkommens vorhersagen, stehen für die kirchlichen Planungen zweifellos wichtige Fragen an. Fraglich ist nur, ob die Energie, die in immer wieder neue Zukunftsprozesse gesteckt wird, gerechtfertigt ist, wenn die Fragen der realen Gegenwart nicht beantwortet werden: Heute wollen Paare heiraten, heute trauern Menschen um ihre Verstorbenen, heute müssen Erstkommunionkinder, Firmlinge und Konfirmanden vorbereitet werden. Heute wird das Spiel des Lebens gespielt, während die Zukunft immer Zukunft bleibt. Es ist daher kein Wunder, dass jeder Zukunftsprozess dann doch irgendwie unvollendet bleibt. Die Zukunft ist nie einholbar. Wenn sie irgendwann zur Gegenwart wird, ist sie schon wieder weit weg.

Während die Gegenwart unmittelbare Entscheidungen und Verantwortung fordert, lebt die Zukunft von unvollendeten Träumen. Das ist nicht nur in der Kirche so. Auch im weltlichen Bereich hat die Zukunft Konjunktur um die Herausforderungen der Gegenwart zu kompensieren. Während auch in Wuppertal manche Straßen jener Marterstrecke gleichen, die den Älteren noch aus dem WDR2-Autotests bekannt sein dürfte, die Zukunft der Stadt in maroden Schulen auf den Ernst des Lebens vorbereitet wird und für den Besuch von Schwimmbädern aufgrund sparzwangsweiser Schließungen weite Wege in Kauf genommen werden müssen, wird von FOCs, Seilbahnen und Bugas geträumt. Man weiß zwar nicht, ob die Träume jemals Wirklichkeit werden. Was soll’s? Der bunte Traum lenkt von der grauen Gegenwart ab. Wird Wuppertal wirklich im Jahr 2030 blühen, wenn unweit eines Asphaltmischwerkes auf den noch vorhandenen Tescher Wiesen die Autos von erhofften Millionen Buga-Besuchern parken? Was wird nach der Buga sein, wenn das verlorene Land neu bebaut und die Fläche dauerhaft versiegelt sein wird? Ist das die erhoffte Zukunftsentwicklung einer Stadt, wenn sie am Rand wächst und die Wege in die Zentren noch weiter werden?

Ja, es kann sein, dass Kirche und Welt eine verheißungsvolle Zukunft bevorstehen. Es kann sein, dass Seilbahn, Buga und FOC wirklich große Würfe werden. Es mag auch sein, dass man mit der Bergpredigt keine Politik machen kann. Einen Versuch wäre es aber wert. Ihre Weisheit sollte man auf jeden Fall nicht außer Acht lassen. Bevor man sich in der Zukunft verliert, ist sie sicher einen Gedanken wert: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.“ (Matthäus 6,34) Das Heute darf nicht vergessen werden, denn gelebt wird heute!