Tampon: Ein Wattebausch aus Wuppertal wird 60 Jahre alt

Tampon: Ein Wattebausch aus Wuppertal wird 60 Jahre alt

O.B. von Johnson&Johnson mit Standort in Oberbarmen ist der meistgekaufteste Tampon der Welt.

Oberbarmen. Watte. Soweit das Auge reicht. Meterhoch türmen sich die riesigen weißen Ballen in der Halle. Sie sehen leicht und weich aus, man möchte sich in sie hineinstürzen. Doch der Schein trügt: Mit einem Gewicht von 273 Kilogramm pro Ballen sind sie alles andere als eine gemütliche Spielwiese. Kaum zu glauben, dass aus diesen Kolossen in nur wenigen Arbeitsschritten etwas so filigranes entstehen soll wie ein Tampon.

Doch genau das geschieht im O.B.-Werk des Konzerns Johnson&Johnson in Wuppertal täglich mit 15 bis 20 dieser Wattepakete. Aus den Lagerhallen treten sie aus Zellwolle den Weg in die Produktion an. Im ersten Schritt wird die Watte in einen Raum mit hoher Luftfeuchtigkeit gebracht. Dort weitet sie sich aus. In einer riesigen Trommel werden die Wattepakete dann auseinandergewirbelt, bevor die einzelnen Fäden zu einem feinen Vlies verwebt werden. Zusammen mit einem blauen Faden, dem Rückholbändchen, presst eine dritte Maschine die Watte in die Tamponform. Und das mehrere Millionen Mal am Tag. Das Tamponwerk im Stadtteil Oberbarmen ist nach wie vor das größte der Welt und produziert neben den O.B.s für den deutschen Markt auch welche für ganz Europa, Australien und Neuseeland. "Pro Tag stellen wir Tampons im zweistelligen Millionenbereich her," erklärt Wolfgang Klehr, der das Werk seit 2003 als Direktor leitet. In einem Jahr treten so mehr als zwei Milliarden O.B.s aus Wuppertal ihre Reise in die Welt an.

In dem Werk, in dem der Tampon vor 60 Jahren erstmals vom Band ging, arbeiten heute rund 320 Mitarbeiter. Das Unternehmen setzt bewusst auf den Standort Wuppertal und das Know-How seiner Mitarbeiter, von denen viele seit Jahrzehnten dort tätig sind. "Unsere Mitarbeiter sind unser größtes Kapital," sagt Klehr und macht klar, dass allein deshalb schon kein Standortwechsel in Frage käme. Johnson&Johnson schafft in einer Stadt mit einer Arbeitslosenquote von rund 12,5 Prozent ständig neue Arbeitsplätze. Zuletzt fanden im März zwanzig neue Mitarbeiter eine Zukunft bei O.B. Der Name hat sich in Deutschland als Marke etabliert und ist im Sprachgebrauch längst gebräuchlicher als die offizielle Bezeichnung Tampon.

Doch nicht immer war der O.B., der in diesen Tagen seinen 60.Geburtstag feiert, so selbstverständlich wie heute. Als Carl Hahn und Heinz Mittag mit der Frauenärztin Judith Esser-Mittag den Tampon Ende der 40er Jahre entwickelten, war der Verkauf von Hygieneartikeln für die Frau fast noch ein Tabuthema. "Oft wurden die Tampons unter der Ladenapotheke verkauft und die Frauen sprachen nicht darüber," sagt Klehr.

Trotzdem war "ohne Binde", so die Abkürzung für O.B., schon im ersten Jahr mit einer Verkaufszahl von zehn Millionen Exemplaren erfolgreich. Im Tamponbereich ist O.B. mit einem Marktanteil von rund 80 Prozent nach wie vor und trotz wachsender Konkurrenz durch die Discounter Marktführer.

Seit seiner Einführung arbeitet das Unternehmen mit 20 Forschern auch permanent daran, den O.B. zu verbessern. Neben geschwungenen Rillen geht es vor allem um die Optimierung der Saugfähigkeit und der Oberflächenstruktur. Viele dieser Entwicklungen haben ihren Ursprung im alltäglichem Leben: So kam einem Forscher bei einer Abfahrt im Skiurlaub die Idee zu geschwungenen Rillen, die die Flüssigkeit langsamer aufnehmen als gerade. Er fuhr die Piste in großen geschwungenen Zügen hinab und stellte dabei fest, dass er damit viel langsamer war als alle anderen, die geradeaus fuhren.

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