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Missbrauch: Das lange Warten auf einen Prozess - ohne Therapie

Missbrauch : Missbrauch: Das lange Warten auf einen Prozess - ohne Therapie

Eine junge Frau möchte lange verdrängte Erinnerungen an einen Missbrauch mit einer Therapie verarbeiten. Doch sie fürchtet, ihre Glaubwürdigkeit vor Gericht zu gefährden. Auf einen Prozess muss sie aber lange warten - kein Einzelfall.

Patricia Klaus (Name geändert) wollte einfach Auto fahren lernen. Doch die Fahrstunden weckten lange verdrängte Erinnerungen – sie zeigte ihren Onkel wegen Kindesmissbrauchs an. Und begann eine Therapie. Doch weil die möglicherweise ihre Glaubwürdigkeit gefährdet, hat sie die Behandlung gestoppt. Während sie auf einen möglichen Prozess wartet, leidet sie unter den Erinnerungen.

Bauchschmerzen, Übelkeit und Herzrasen habe sie bei den Fahrstunden gehabt, erzählt die 24-Jährige. Sie habe lange nachgedacht, warum das so ist. Und erst nach einer Weile die Erinnerungen zusammensetzen können: Wie sie als Neunjährige begann, mit dem Onkel Sonntagszeitungen auszutragen, ihn in der Nacht von Samstag auf Sonntag im Auto begleitete, um etwas Geld zu verdienen.

Der Onkel habe begonnen, ihr Nachrichten zuzustecken, in denen er erklärte, sich in sie verliebt zu haben, und sie aufforderte, ihr T-Shirt hochzuziehen, damit er ihre Brüste sehen könne. Wenn sie nicht wollte, schwärzte er sie zu Hause an, sie habe nicht mitgearbeitet, verdiene ihr Geld gar nicht. Dabei brauchte die Familie das Geld.

Er habe Fotos gemacht, sie angefasst, geküsst, an den Brüsten, im Intimbereich. „Ich wollte das nicht wahrhaben“, sagt sie rückblickend. Immer wieder habe sie nicht gewusst, ob das real war oder eingebildet. Er habe immer mehr gefordert. Behauptet, dass sie es doch bisher gemocht habe. Wenn sie ankündigte, zu Hause etwas zu erzählen, habe er gedroht, dann müsse sie ins Heim. Über Jahre habe sie sich nicht gewusst, wie sie sich dem entziehen sollte.

„Ich habe gedacht, das ist zwischen Nichte und Onkel so.“

Mit 15 Jahren habe sie sich getraut, eine Freundin zu fragen, ob das alles normal sei. „Ich habe gedacht, das ist zwischen Nichte und Onkel so“, sagt sie. Die Freundin widersprach. Daraufhin zeigte Patricia Klaus ihrer Mutter eindeutige Chat-Nachrichten des Onkels. Danach fuhr sie keine Zeitungen mehr aus, alle darauf achteten, dass Onkel und Nichte nicht allein waren. Eine Anzeige habe es aber nicht gegeben. Sie solle an die Tante und ihre kleine Cousine denken, habe es geheißen.

Patricia Klaus sagt, es sei ihr gelungen, nicht mehr an das Erlebte zu denken. Es zu vergessen. Verschlossen war sie trotzdem. Und bei intimen Kontakten mit Jungen bekam sie Panikattacken. Als die Fahrstunden die Erinnerungen an die verhassten Fahrten wieder weckten, ging sie im März 2017 zur Polizei. Seither laufen die Ermittlungen.

Die dauern. Denn das Geschehen ist lange her. Beweise gibt es keine. Den Ausdruck der Chat-Nachrichten gibt es nicht mehr. Der Onkel, längst weggezogen, verweigert die Aussage. Die junge Frau, die inzwischen selbst eine Familie gegründet hat, sagt, sie leide weiter. Sie ist überlastet und arbeitsunfähig geschrieben.

Sie begann eine Therapie. Doch mehrere Leute hätten sie gewarnt, dass eine Aussage vor Gericht nach einer Therapie angezweifelt werde – das verändere die Erinnerung. Also setzte sie die Behandlung aus. Und verzweifelt daran, wie lange die Ermittlungen dauern.

Wolf-Tilman Baumert, Sprecher der Staatsanwaltschaft, hält die Dauer für durchaus im Rahmen. Es müsse ja gründlich ermittelt werden. Er versichert, dass die Ermittler so schnell wie möglich vorgehen. Und ist der Ansicht, dass nach einer ausführlichen Aussage bei der Polizei eine Therapie möglich sei.

Patricia Klaus ist lieber vorsichtig. Ihre Anwältin Esther Kunz erläutert: „Je öfter man darüber spricht, desto eher besteht die Gefahr, dass sich die Aussage verfälscht.“ Patricia Klaus will, dass ihr Onkel zur Verantwortung gezogen wird: „Ich will, dass er merkt, was er mir angetan hat.“ Deshalb will sie in einem Prozess aussagen. Sie hat auch bei einer Gutachterin ausgesagt, die ihre Glaubwürdigkeit beurteilen soll.

Birgit Gladbach-Eckstein von der Frauenberatungsstelle in Wuppertal kennt das Problem mit der Glaubwürdigkeit. Sie sagt: „Es ist leider nach wie vor so, dass bei sexueller Gewalt die Frauen die Last tragen.“ Auch Anita Eckhardt vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen, sagt, im Raum stehe dann der Vorwurf, dass die Aussage der Frau durch den Therapeuten oder die Therapeutin beeinflusst wurde. „Das ist ein Riesenproblem für die Frauen.“ Das in Deutschland übliche Vorgehen mit einem Glaubwürdigkeitsgutachten gebe es in anderen Ländern nicht.