Ausstellung: „Da es freiwillig nicht geht, geht es nur mit Quote“

Ausstellung : „Da es freiwillig nicht geht, geht es nur mit Quote“

Im Rathaus erinnert eine Ausstellung bis 6. September an vier Frauen, die Deutschland veränderten. Ihre Sache ist weiter aktuell.

Es gibt Veranstaltungen, denen der geneigte Besucher und bestimmt auch die Besucherin mehr und obendrein ein vielfältigeres Publikum gewünscht hätten. So eine Veranstaltung hat es am Montag im Barmer Rathaus gegeben. Dort eröffnete Bürgermeisterin Ursula Schulz (SPD) ebenso kurzweilig wie kämpferisch die Ausstellung „Die Mütter des Grundgesetzes“.

Sie ist Frieda Nadig, Elisabeth Selbert, Helene Wessel und Helene Weber gewidmet. Letztere war Elberfelderin und teilte mit den drei anderen die Last und die Ehre, am Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mitgeschrieben zu haben. Es wird in diesem Jahr 70 und hat das demokratischste, freieste und sozialste Deutschland geschaffen, dass es auf deutschem Boden je gab.

Schon das ist ein sehr guter Grund, die vier Frauen zu ehren. Aber es gibt einen weiteren. Das Quartett war die kleine weibliche Komponente im 65-köpfigen parlamentarischen Rat, der Deutschland nach der mörderischen Nazi-Diktatur eine neue Verfassung geben sollte, ein Grundgesetz, das Menschenwürde, Freiheit und Frieden garantiert. Das ist geglückt, und vieles spricht dafür, dass Frieda Nadig, Elisabeth Selbert, Helene Weber und Helene Wessel daran einen wesentlichen Anteil hatten.

Zur Eröffnung geht
es um die Gleichheit

Deshalb ist es auch kein allzu großes Wunder, dass sich die Gleichstellungsstelle der Stadt Wuppertal mit dem Jugendring zusammentat, um die Wanderausstellung des Berliner Helene-Weber-Kollegs zur Erinnerung an die vier großen Frauen der jüngeren deutschen Geschichte in die Stadt zu holen.

Ebenso wenig überraschend ist, dass es zur Eröffnung hauptsächlich um die Gleichheit ging, um Gleichberechtigung, die das Grundgesetz im Artikel 3 beschreibt. Demnach sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich, egal welcher Hautfarbe, welcher Herkunft, welchen Geschlechts. Vieles davon ist im Deutschland des Jahres 2019 Normalität. Nicht alles.

„Männer waren damals die Obrigkeit und sind es vielleicht immer noch“, sagte Bürgermeisterin Schulz. Sie ist seit 40 Jahren Politikerin und kennt die Kräfteverhältnisse in Parlamenten. Dass in Wuppertals Stadtrat jeder dritte Mandatsträger weiblich ist, das ist im Vergleich zu anderen Städten und anderen Parlamenten schon ein guter Wert. Aber er ist eben noch weit von Gleichstand entfernt.

In der Bevölkerung halten sich Frauen und Männer fast die Waage. Im öffentlichen Leben ist das anders. Die Zahl der Spitzenfunktionärinnen in Politik, Wirtschaft und Kultur entspricht bei weitem noch nicht dem Frauenanteil in der Bevölkerung. Auch die meisten politischen Parteien haben es bei der Gleichberechtigung noch nicht sehr weit gebracht. Eine Ausnahme bilden die Grünen, die auf allen Ebenen konsequent auf Frauenquoten setzen und ihre Mandate sowie Funktionen entsprechend verteilen. Die Gleichberechtigung in dieser Partei geht sogar bis zum abwechselnden Rederecht von Männern und Frauen beispielsweise in Fraktionssitzungen.

Davon sind die SPD und die CDU auch in Wuppertal noch ein gutes Stück entfernt. Und während die Sozialdemokraten es bundesweit nun mit einer Doppelspitze versuchen und auch auf kommunaler Ebene jungen Frauen den Zugang erleichtern wollen, spricht sich Barbara Reul-Nocke für die Radikallösung aus. Die Wuppertaler Christdemokratin ist Rechtsdezernentin in der Nachbarstadt Remscheid. Und die Frauendebatte auch in ihrer Partei ist sie leid. „Da es freiwillig nicht geht, geht es nur mit Quote“, sagt sie.

Die ist im Jugendrat der Stadt Wuppertal überflüssig. Jedenfalls was die Frauen angeht. Dort sind sie schon in der Überzahl. Genauso wie am Montagabend im Lichthof des Barmer Rathauses. Von fünf Männern abgesehen blieben die Frauen unter sich und hatten kaum Gelegenheit, mit jenen über Gleichberechtigung zu reden, die sie grundgesetzlich ermöglichen müssen: mit Männern.

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