Kolumne: Uwe Becker über die Offenheit von Wuppertals Oberbürgermeister

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Primark-Kunden sollten VHS-Kurs zu Helene Stöcker erhalten

Kolumnist Uwe Becker macht sich Gedanken zu 100 Jahren Frauenwahlrecht.

Am vergangenen Samstag feierte das Frauenwahlrecht seinen 100. Geburtstag. Zeitgleich kehrt Friedrich Merz zu seinem alten Arbeitgeber, der Firma Blackrock, zurück, nachdem er bei der Wahl zum Vorsitzenden der CDU gegen eine Frau verloren hat. Auf den ersten Blick ist das eine erfreuliche Entwicklung, wenn man davon absieht, dass die Firma Blackrock zum weltgrößten Vermögensverwalter aufgestiegen ist, deren Hauptaufgabe darin besteht, Reiche immer reicher zu machen.

Es wäre natürlich eine viel schönere Nachricht, wenn Friedrich Merz als Produzent zu einem hippen Independent-Label namens Blackrock zurückkehren würde, bei dem ausnahmslos fetzige Mädchenbands unter Vertrag ständen, die krasse männerverachtende Texte singen würden, und diese mit harten Riffs und schweren Beats bereicherten. Aber unsere Welt ist eine andere, gerade wir hier in Wuppertal können ein Lied davon singen, eröffnet doch im Frühling die Filiale einer furchterregenden T-Shirt- und Blusen-Manufaktur auf unserem altehrwürdigen, frisch sanierten Bahnhofsvorplatz.

Ich habe gelesen, dass junge Mädchen bei der Bekanntgabe des Eröffnungstermins von Primark hysterische Schreie ausstießen, Schnappatmung bekamen oder sogleich in Ohnmacht fielen. Ohne jetzt hier den Oberlehrer spielen zu wollen, möchte ich gerne anregen, dass man den jungen Geschöpfen vom Einkaufen in diesem Modehaus abraten sollte, und ersatzweise einen VHS-Kurs über das Leben und Werk der in Elberfeld geborenen Frauenrechtlerin Helene Stöcker anzubieten. Die Kursgebühr sollte fairerweise nur 1,99 Euro betragen, dies wäre in etwa der T-Shirt-Preis bei diesem Textildiscounter.

Ganz ehrlich? Ich fühle mich als Mann richtig unwohl, wenn ich mir vorstelle, und das wissen viele junge Leute heute gar nicht, dass beispielsweise meine Mutter bis 1972 nicht arbeiten durfte, wenn ihr Ehemann, mein Vater, es ihr untersagt hätte. Allerdings war mein Erzeuger nicht dumm. Zum Abendbrot genoss er als Familienoberhaupt gerne, wenn auch aus Kostengründen selten, Tatar, eine Köstlichkeit aus rohem, fein gehacktem Rinderfilet, welche meine Mutter ihrem liebsten Göttergatten auch noch mit einem frischen Ei und Schalotten veredelte. Der zusätzliche Verdienst meiner Mutti war nicht nur aus diesem Grund von höchster Wichtigkeit, da auch wir Kinder Schleckermäuler waren, die sich nicht ausschließlich mit kohlenhydratarmer Kost abspeisen lassen wollten. Das Allerwichtigste aber war, dass meine Mama ihre Halbtagsstelle im Barmer Kaufhof kontinuierlich ausbaute. Nach einigen Jahren war die fleißige Frau nicht nur Erstverkäuferin in der Kurzwarenabteilung (Strumpfhosen, Socken, Gürtel, Hosenträger), sondern wurde ein Jahr später bereits in den Betriebsrat gewählt. Als Betriebsratsvorsitzende hatte sie ihr eigenes Büro und war von der normalen Tätigkeit einer Verkäuferin freigestellt.

Meine Mutter war eine Kämpferin für soziale Gerechtigkeit, fand aber auch zum Kompromiss, wenn es dem großen Ganzen diente. Sie wurde bis zu ihrer Pensionierung immer wieder durch die Belegschaft in ihrem Amt bestätigt. Ich denke, dass viele Frauen, die ähnlich wie meine Mutter, konsequent ihren Weg gehen konnten, dies starken Vorkämpferinnen zu verdanken hatten. Hierzu gehört unbedingt Helene Stöcker, die erste promovierte Philosophin Deutschlands, die sich für eine gleichberechtigte Stellung beider Geschlechter in der Familie und eine gleichberechtigte Sexualität von Mann und Frau einsetzte. Dazu gehörte auch der Schutz unverheirateter Mütter und ihrer Kinder. Stöcker setzte sich auch für die Rechte von Homosexuellen ein. 1869, also vor 150 Jahren, wurde in Elberfeld nicht nur Helene Stöcker geboren, sondern auch die weltberühmte Dichterin Else Lasker-Schüler. Ich weiß leider nicht, ob die beiden fortschrittlichen, klugen und tollen Frauen sich je begegnet sind, vielleicht in ganz früher Zeit auf dem Mädchengymnasium an der Aue.

Allerdings habe ich vergangene Nacht kurioserweise geträumt, Stöcker und Lasker-Schüler hätten mich gemeinsam aus einem Waisenhaus geholt, adoptiert und geschlechtsneutral erzogen. Später lebten wir in einer Art Wohngemeinschaft, zusammen mit Friedrich Nietzsche, Karl Kraus und Gottfried Benn, in einer großen Altbauwohnung im Briller Viertel. Ich erinnere mich, dass mir Else, wenn ich das Haus verließ, mit den Worten, „Es ist sehr kalt dort draußen!“, einen blau-roten Schal um den Hals legte. Wahrscheinlich wollte ich ins Stadion zum WSV.

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