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Interview: Arnd Krüger: „Wir brauchen mehr Mutbürger“

Interview : Arnd Krüger: „Wir brauchen mehr Mutbürger“

Kreishandwerksmeister Arnd Krüger ist besorgt. Fast die Hälfte der Auszubildenden schließt die Ausbildung nicht ab. Am Sonntag zeichnet er 228 Absolventen in der Stadthalle aus.

Wuppertal. Am Sonntag überreicht der Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Solingen,-Wuppertal Arnd Krüger, erfolgreichen Auszubildenden ihre Gesellenbriefe. Vertreten sind fast alle Handwerksberufe, die einen mehr, die anderen weniger. Letzteres macht Krüger (51) zunehmend Sorgen.

Herr Krüger, wie viele Auszubildende sprechen Sie am Sonntag los?

Krüger: Das sind 228 junge Frauen und Männer. Wieviele Lehrlinge sind in die Ausbildungsphase gestartet? Krüger: Es waren so um die 400.

Also hat fast jeder Zweite die Ausbildung nicht vollendet?

Krüger: Das ist richtig.

Hat sich diese Zahl in den vergangenen Jahren verändert?

Krüger: Ich gehe davon aus, dass in den letzten Jahren die Absolventenquote höher war, weil sich Ausbilder sowie Auszubildende mehr Geduld und Zeit gegeben haben.

Woran liegt der immer noch recht hohe Wert?

Krüger: Wir im Handwerk klagen schon länger darüber, dass wir als Gesellschaft unsere Kinder nicht mehr so heranziehen, wie es wünschenswert wäre.

Was meinen Sie konkret?

Krüger: Ich meine unter anderem Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß, Höflichkeit. Das sind Vertragsbestandteile des Lebens, die nicht immer ausreichend ausgeprägt sind.

Was glauben Sie, wie viele von den neuen Gesellen später ihren Meisterbrief machen werden?

Krüger: Das ist wirklich schwer zu sagen. Definitiv zu wenige, das steht fest. Wir haben nicht genügend junge Leute, die sich fortbilden. Uns fehlen die Mutbürger.

Wieso Mut?

Krüger: Dass ein Meister heute noch den Bleistift hinter dem Ohr hat, ist nicht mehr unbedingt die Regel. Meister sind heute auch Manager, Unternehmer.

Das gilt für Sie auch. Haben Sie sich damals mit der Entscheidung schwer getan?

Krüger: Nein. Ich bin nach der Mittleren Reife in den elterlichen Betrieb gegangen, habe meine Lehre gemacht, dann meinen Meisterbrief und Betriebswirt des Handwerks, also der typische 2. Bildungsweg. Ich war und bin davon überzeugt, dass das für mich der richtige Weg war.

Sie sind Glasermeister. Wann haben Sie zuletzt ein Glas eingesetzt?

Krüger: Oh je, das ist schon ein bisschen her. Aber Zuschneiden, mache ich noch häufiger, zuletzt vor ein paar Tagen.

Warum finden zu wenige Handwerker den Weg in die Selbstständigkeit?

Krüger: Das eine ist mangelnder Mut, wie schon gesagt. Wir haben seit Bismarcks Zeiten als Angestellte ein Back-up durch die Sozialsysteme. Es fordert Mut zum Risiko, selbstständiger Unternehmer zu sein.

Es ist aber auch grundsätzlich so, dass nicht mehr sehr viele Jugendliche überhaupt ins Handwerk wollen.

Krüger: Das stellen wir auch fest. Es gibt Modeberufe wie Elektro- und Kfz-Handwerk. Es gibt aber auch Berufe im Lebensmittelhandwerk sowie Dachdecker und Friseure, für die es richtig schwierig geworden ist, Auszubildende zu finden.

Ist das angesichts von Arbeitszeiten und Bezahlung nicht verständlich?

Krüger: Für mich nicht. Diese Berufe sind in der Öffentlichkeit bei Weitem nicht so angesehen, wie sie es sein sollten. Für mich ist nicht nachvollziehbar, warum das so ist.

Was tut die Kreishandwerkerschaft dagegen?

Krüger: Wir gehen frühzeitig in die Schulen und wollen jungen Menschen so früh wie möglich mit Handwerk in Kontakt bringen, Chancen und Möglichkeiten aufzeigen. Aber wir leiden schon sehr unter der fehlenden Vorstellungskraft der Menschen.

Dabei hat Handwerk doch goldenen Boden. Erst recht in Zeiten niedriger Zinsen.

Krüger: Es stimmt schon, dass momentan sehr viele Neubauprojekte realisiert werden, aber es gilt festzuhalten, dass ein großer Wettbewerb mit Produkten und Arbeitnehmern aus dem europäischen Ausland festzustellen ist. Das bedeutet, dass sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze unter Druck geraten.

Und wo genieren Unternehmen vor Ort dann noch Umsätze?

Krüger: Wir machen viele Reparaturen und Instandhaltungen. Dächer und Heizungen beispielsweise sind langlebige Investitionsgüter. Die werden gewartet und repariert.