Kunst erobert den leeren Raum

Vier Künstler nutzen ein leerstehendes Ladenlokal für ihre Ausstellung.

St. Tönis. In dieser Konstellation stellen sie zum ersten Mal zusammen aus. Aber sie kennen sich bereits lange — von der Freien Akademie für Malerei in Düsseldorf-Reisholz. Jens Kilian leitet diese Kunstschule, August Woerner ist Dozent, während Wally Althoff und Andrea Quaß dort studieren.

Wenn man die vier beim Aufbau ihrer Ausstellung beobachtet, gibt es aber keine Schranken zwischen Lehrenden und Studierenden, es herrscht ein kollegiales, freundschaftliches Miteinander. Es gibt ein gemeinsames Interesse: Diese leerstehenden Räume nicht nur mit Kunstwerken zu erobern, sondern ihnen eine neu Aura zu verleihen und den Tönisvorstern neue Kunsterlebnisse zu vermitteln. Die Stadt ist ja nicht gerade reich an Ausstellungen. Nicht dass man sich über Leerstände freut — aber vielleicht könnte hier eine Art Interims-Galerie fortbestehen und auch die Krefelder Straße ein wenig neu beleben.

Der Besucher wird feststellen, dass die vier Künstler alle ihren eigenen Weg gehen, trotzdem harmonieren ihre Werke sehr gut miteinander. In Tönisvorst lebt Wally Althoff, die ihre Kollegen zu dieser Ausstellung eingeladen hat. Die promovierte Agrar-Ingenieurin hat immer schon gemalt, kann aber erst jetzt ihrer Leidenschaft für Malerei mit einem Studium nachgehen. Wenn man den Laden betritt, hat sie den rechten Teil bestückt. Man findet höchst unterschiedliche Arbeiten, große Leinwände, die aus der Bewegung heraus gemalt sind und weitgehend abstrakt erscheinen. „Ich komme ganz aus der Farbe und lerne jetzt zu zeichnen“, erklärt sie ihre verschiedenen Ansätze. Aktuell widmet sie sich der Herausforderung durch die Farbe Weiß. Wie viel kann man stehen lassen? Wie viel muss man zurückdrängen? Rein schwarz-weiß sind ihre Porträts von Jugendlichen. Der Strich muss sitzen, mit Farbe kann nichts überdeckt werden. In ihren Akt-Bildern klebt sie Papierschnipsel in die Fläche, in die roten und grauen Farbflächen setzt sie zuletzt schnell skizzierte Akt-Figuren.

Ein ganz besonderes Entree bietet das abstrakte Farbbild mit dem violetten Akzent von Jens Kilian. Der Maler wurde nach China eingeladen, vor Ort Vasen zu bemalen. Kilian ist der Herausforderung gefolgt, als Maler in die dritte Dimension zu gehen. Anders als auf der Leinwand verändern sich die Farben durch das Brennen, was die Kontrolle beim Malen erschwert. Eine Reihe der China-Vasen hat Kilian nach St. Tönis mitgebracht.

Das Aquarell vertritt in dieser Ausstellung August Woerner. Mit Aquarellfarben skizziert er vor allem Landschaften, Tiere und Menschen — wobei seine Porträts mehr expressive Interpretationen des vor ihm sitzenden Menschen sind. Der Künstler arbeitet gern zwischen zwei Polen. Wenn er ein Bild zu Fukuchima malen muss, braucht er zum innerlichen Ausgleich einen Gegenpol — vielleicht ein Schwarzwaldhaus (Woerner stammt aus Freiburg).

Andrea Quaß zeigt Arbeiten mit Figuren wie Stillleben. Bei den Aktfiguren arbeitet sie mit Monotypie, also dem Abdruck bemalter Glasplatten. Die warmen Rottöne bei den Figuren verändern sich bei den Stillleben mit Flaschen und Gefässen ins Ocker und Erdige. In der Abstraktion vom Gegenstand zur Fläche hin, verlieren sie nicht nur für die Künstlerin, sondern auch für den Betrachter, ihre Funktion und werden zur Figur. hb