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Mülhausen: Ein Blick zurück auf die Ära Renkes

Grefrather Ortsgeschichte : Mülhausen: Ein Blick zurück auf die Ära Renkes

Die traditionsreiche Gaststätte Zur Post in Mülhausen steht vor dem Abriss – mit dem Haus sind unzählige Erinnerungen verbunden.

Wenn bald, wie berichtet, an der Hauptstraße 94 in Mülhausen das große Haus der ehemaligen Gaststätte „Zur Post“ zugunsten eines neuen kleinen Wohnparks abgerissen wird, dann geht eine Ära zu Ende. Viele Erinnerungen sind verbunden mit diesem Gebäude, in dem so viele Familien und Vereine über die Jahre ihre Feste feierten und viele gesellige Stunden verbrachten.

Eine, die sich besonders gut an die Zeit erinnert, ist Elisabeth Renkes. „Als ich 15 Jahre alt war, sind wir aus der Eifel nach Mülhausen gekommen“, erinnert sie sich im Gespräch mit der WZ. Nach dem Artikel über den nahenden Abriss des Hauses waren diese Erinnerungen wieder besonders deutlich geworden. Elisabeth Renkes hat in einem kleinen Archiv alle alten Fotos und Zeitungsartikel rund um das Haus gesammelt, das ihre Familie mehr als 50 Jahre lang führte.

In den alten Artikeln von damals kann man nachlesen, dass das traditionsreiche Haus bis zum Jahr 1900 eine beliebte Raststätte für Fuhrleute war. Viele der Fuhrleute, die dort übernachteten, hatten im gegenüberliegenden Kloster geschäftlich zu tun.

Gertrud und Johann Renkes hatten Haus und Grundstück 1958 gekauft. Dann stand Sohn Franz Renkes am Zapfhahn, der bereits im Alter von 52 Jahren starb. Kurz wurde die Gaststätte verpachtet. 1966 übernahmen Helen, geborene Renkes, und ihr Mann Rudolf Föhles die Wirtschaft. Seit 1972 hatte dann Hildegard Renkes das Sagen.

Und Elisabeth Renkes war immer dabei. Für die Jugendliche war der Umzug aus der Eifel an den Niederrhein schon eine Umstellung. Sie erinnert sich gerne an die schöne Zeit. Und muss heute noch bei der Anekdote schmunzeln, als einmal die Polizei ans Fenster klopfte. „Ich war gerade 16 oder 17 Jahre alt und als mein Bruder die Band vom Tanztee zurück nach Venlo brachte, spielte ich mit ein paar Jungs Schiffchen versenken an der Theke.“ Aber in der Kneipe durften die Jugendlichen in dem Alter gar nicht sein. Sie selbst konnte sich verstecken und herausreden. Für die Jungs gab es aber kein Erbarmen. „Sie mussten tatsächlich eine Strafe zahlen“, erzählt Elisabeth Renkes.

Wenn „Klein-Fasnacht“ gefeiert wurde, war der Saal brechend voll. Zum Martins-Ball ebenfalls. Lange feierten die Damen der KFD dort ihre Karnevalssitzungen. Es gab „Beat-Bälle“ und Tanztees.

Gäste „aus der Stadt“, also zum Beispiel aus Krefeld, kamen am Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken nach Mülhausen, wusste die WZ Anfang der 80er Jahre zu berichten. Für Schützen, Feuerwehr und Kegelclubs war Renkes das Vereinslokal. Und ebenfalls nachlesen konnte man, dass eine nette Geste des Hauses die ansässigen Kegelvereine erfreue: „Immer wenn sie von ihrer Kegeltour in die heimatlichen Gefilde zurückkehren, meist morgens in der Frühe, ist der Frühstückstisch bei Renkes gedeckt.“

„Ohne die Familie geht nichts“, stellte Hildegard Renkes noch 2008 fest, als das 50-jährige Bestehen gefeiert wurde. Auch da packten Elisabeth Renkes und das Ehepaar Föhles noch kräftig mit an. Zwar war Elisabeth Renkes im Hauptberuf in der Kreisverwaltung, in der Bibliothek zunächst in Kempen und später in Viersen, tätig. Aber wenn Hilfe benötigt wurde, war sie immer wieder zur Stelle. Nach ihrem Renteneintritt 2005 half sie noch einmal mehr aus. Gerne denkt sie an die „Fetzer-Fete“ aus Anlass der Dorenburg-Ausstellung zum „Fetzer“, der im 18. Jahrhundert mit seiner Bande am Niederrhein sein Unwesen trieb.

„Es war ja das einzige große Haus am Ort“, sagt Elisabeth Renkes. Daher fanden auch alle großen Familienfeiern dort statt. Die ältere Schwester Hildegard stand in der Küche. Die Gäste liebten die Gerichte mit Schnitzeln, Frikadellen, Braten oder Schweinepfeffer.

Selbst als es nach 2003 die Kegelbahnen nicht mehr gab, blieben einige Keglerinnen ihrem Lokal treu und trafen sich halt zum Kaffeeklatsch.

Ende 2009 kam das Aus für
den Betrieb an der Hauptstraße

Ende 2009 war dann klar, dass Hildegard Renkes das Haus aus gesundheitlichen Gründen aufgeben würde. „Ich erinnere mich, dass meine Schwester noch einen 80. Geburtstag angenommen hatte. Den wollten wir auch noch machen. Es war ein Mittwoch und einige Stammgäste kamen dann dazu. Es war schon ein bisschen traurig“, erinnert sich Elisabeth Renkes an den letzten Tag. Eigentlich war es mit Wirtschaft, kleinem Gesellschaftsraum und dem großen Saal, in dem rund 300 Menschen feiern konnte, ein schönes Haus. Aber man hätte zu viel in die Sanierung investieren müssen.

Schon Anfang der 80er Jahre gab es die Idee für Abriss und Neubebauung auf dem Areal, was das Ortsbild „radikal verändern“ sollte. Daraus wurde nichts. Nun wird es aber wirklich konkret. Wie berichtet, baut die Kempener Firma Milike Investbau im hinteren Bereich mindestens sechs Doppelhaushälften. Auch im vorderen Bereich zur Hauptstraße soll später gebaut werden können und „das Konzept des generationenübergreifenden Wohnens konsequent fortgeführt werden“.