Ein Genuss in Noten

Amarcord Wien begeisterte in der Paterskirche mit „Bon Voyage“.

Kempen. Die vier Musiker spielen schon, während sich das Publikum recht geschwätzig und geräuschvoll seine Plätze in der Paterskirche sucht und mit den mitgebrachten Sitzgelegenheiten einrichtet. Die letzte Nachtmusik und damit auch das letzte Konzert der Saison 2017/18 startet so in Kurkonzertatmosphäre. Doch es soll musikalisch geographisch entschieden weiter gehen, Amarcord Wien wird mit dem Programm „Bon Voyage“ eine musikalische Reise um die Welt bieten.

Die ersten Klänge — nachdem Ruhe eingekehrt ist — entführen Richtung Südosten oder Osten, das ist nicht eindeutig. „Balkan tänzerisch“ entpuppt sich nach der Moderation des Akkordeonspielers Tommaso Huber als ein Ausflug in Tänze Russlands, bei denen Modest Mussorgsky tonangebend war.

Ein großer Sprung über Ozeane folgt nach Argentinien, wo nahezu selbstverständlich Variationen des Tangos folgen. Dafür ist die Besetzung des Quartetts optimal: Zum Akkordeonisten gesellen sich Sebastian Gürtler (Violine), Michael Williams (Violoncello) und Gerhard Muthspiel am Kontrabass. Sehr gefühlvoll bis temperamentvoll interpretieren die Herren die drei Tango aus der Feder von Astor Piazzolla.

Es ist ein Genuss, ihnen zuzuhören. Ihre Vielseitigkeit, ihre Verbindung von diversen Genres mit eigener musikalischer Handschrift wird im weiteren Konzert erlebbar. Da produzieren sie mit ihren Instrumenten unerwartete Geräusche, schaffen eine Atmosphäre, als wäre man plötzlich in einen Wald versetzt. Hört man die Stimmen der dortigen Fauna? Klopft da vielleicht ein Specht? Aus zartem Pizzicato-Spiel entwickelt das Cello ein lyrisches Thema, das träumerisch von der Geige fortgeführt wird. Das russische Volkslied vom kleinen Glück erklingt auf diese inspirierende Weise.

Von Erik Satie spielt Amarcord Wien eine Gymnopédie und eine Gnossienne (beides Begriffe von Satie für diese Musikstücke, Anm. der Red.) mit der Vorankündigung: „Sie werden sie vielleicht nicht wiedererkennen!“ Da hat Huber Recht, ein Klavierstück mit einer Geige, die fast wie ein Banjo klingt und dann noch der kreative Gebrauch der anderen Instrumente, schaffen unerwartete Hörerlebnisse.

Schließlich singt der Geiger noch ein Wiener Lied mit autobiographischen Zügen und stellt dabei die Frage „Warum hat der Herrgott die Geige gemacht?“ Über den Balkan geht es musikalisch auf die Zielgerade wieder nach Südamerika, luftig leicht, verträumt bis beschwingt tänzelt man nach Tangomusik sowie Samba und Bossanova.

Für den begeisterten Applaus bedanken sich die vier Herren noch mit zwei Zugaben, einem Schostakowitsch Walzer und dem „Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“ von Mussorgski.