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Kreis Mettmann: Impfarzt zu Vorbereitungen auf den Corona-Herbst

Pandemie im Kreis Mettmann : „Ab Oktober gibt es neue Impf-Empfehlungen“

Warum Menschen unter 70 ohne Risikofaktoren jetzt mit ihrer zweiten Boosterimpfung warten sollten.

Jürgen Korbmacher ist 61 Jahre alt, Facharzt für Innere Medizin und als Impfarzt im Impfzentrum des Kreises in Erkrath tätig.

Was macht ein Impfarzt?

Jürgen Korbmacher: Ein Impfarzt schaut sich die Patienten an. Er prüft, ob ein Grund für eine Impfung vorliegt. Er führt ein Aufklärungsgespräch, er impft und beobachtet hinterher, ob es dem Geimpften gut geht.

Gerade scheint Corona vergessen zu sein. Kaum jemand trägt im Supermarkt einen Mund-Nase-Schutz. Die Abstandsregeln scheinen nicht mehr zu gelten – bei Konzerten oder bei Schützenfesten, zum Beispiel. Aber der Herbst und der Winter kommen. Wie kann ich mich am besten schützen – was empfehlen Sie?

Korbmacher: Grundsätzlich sollte man sich gegen eine Infektion schützen, indem man weiterhin die grundlegenden Regeln beachtet. Also: Abstand halten, Maske tragen, sich regelmäßig testen. Diese Grundregeln sollte man weiterhin persönlich beachten – auch wenn sie nicht staatlich vorgeschrieben sind. Viele machen das zurzeit nicht. Aber ich empfehle das dringend. Denn wir sehen, dass auch eine vollständige Impfung plus Booster nicht vor einer Covid-Infektion schützt. Das liegt an den Virusvarianten – vor allem an den Omikron B-5 Varianten. Diese Viren umgehen das Immunsystem, deshalb werden im Moment so viele Menschen infiziert. Eine vollständige Impfung verhindert dies nicht, aber schützt vor einem schweren Covid-Verlauf.

Ich bin zweimal geimpft, geboostert und einmal genesen – würde mir eine vierte Impfung jetzt helfen, den Herbst und Winter zu überstehen?

Korbmacher: Für die vierte Impfung hat die Ständige Impfkommission, Stiko, ganz klare Regeln festgeschrieben. Diese beachten wir im Kreis Mettmann. Die vierte Impfung wird empfohlen für alle Menschen, die älter als 70 Jahre, oder wenn Vorerkrankungen einen schweren Verlauf einer Covid-Infektion nahelegen. Letzteres muss dann der Impfarzt entscheiden.

Aber warum sollte man sich nicht jetzt die vierte Impfung holen – wenn dies doch den Schutz erhöht?

Korbmacher: Das ist falsch. Deshalb ist mir die Aufklärung so wichtig. Viel hilft nicht viel. Wer geimpft und geboostert ist – und nicht zu den von der Stiko definierten Risikogruppen gehört, dem empfehle ich eine nochmalige Impfung jetzt ausdrücklich nicht. Denn das brächte diesem Menschen keinen Vorteil und es wäre medizinisch völlig unsinnig. Wer nicht zu den von der Stiko definierten Risikogruppen gehört, der sollte warten. Ab Oktober sollen modifizierte Impfstoffe zur Verfügung stehen, die mit Blick auf die Omikron-Varianten entstanden sind. Dann wird es auch wieder neue Empfehlungen für die Impfungen geben.

Wirkt eine überstandene Corona-Infektion wie eine vierte Impfung?

Korbmacher: Eine überstandene Infektion ist ein Immun-Ereignis. Völlig klar. Aber die Stiko sagt, wir wollen eine „hybride Immunität“. Das bedeutet: Wenn ich mehrfach mit dem Spike Protein Kontakt habe, wird meine Immunität besser. Deswegen kann nach einer überstandenen Corona-Infektion, mit dem Abstand von drei bis sechs Monaten eine vierte Impfung sinnvoll sein, für die die über 70 Jahre alt sind oder die Risikokriterien der Stiko erfüllen.

Wie reagieren Menschen, denen Sie all das in einem Aufklärungsgespräch erklären?

Korbmacher: Da geht es um die Aufklärung. Wenn momentan kein medizinischer Grund für eine vierte Impfung vorliegt, macht es keinen Sinn, jemanden zu impfen. Dieser Mensch hätte dadurch keinen Vorteil. Wir als Impfärzte versuchen, das zu erklären und erreichen damit in der Regel auch Verständnis. Wir wollen ja nicht Dinge nur aus Angst machen. Vor allem, wenn sie dem Patienten keinen Vorteil bringen. Es muss medizinisch sinnvoll sein, was wir tun.

Gern schwadroniert wird über Schäden durch eine Schutzimpfung gegen Covid-19. Was wissen Sie über bleibende Impfschäden?

Korbmacher: Die Impfung – und das ist der große Vorteil – ist ja sehr gut verträglich. Bei den MRNA-Impfstoffen sind Einzelfälle bekannt, bei denen es etwa zehn Tage nach der Impfung bei jungen Menschen eine Herzmuskel-Entzündung gegeben hat, die in der Regel folgenlos ausheilt. Deswegen verwenden wir im Kreis Mettmann bei Unter-30-Jährigen den Biontech-Impfstoff, weil es bei dem seltener auftritt.  Anders sah es bei den Vektor Impfstoffen wie Astrazeneca-Impfstoffen aus – bei dem es ein erhöhtes Thrombose-Risiko gab. Doch diese Impfstoffe setzen wir im Kreis Mettmann nicht mehr ein.

Zusammengefasst: Jetzt nicht vorbeugend eine vierte Impfung erfragen, sondern auf den Herbst und auf modifizierte Impfstoffe warten – sofern man nicht vom Alter und vom Risiko her zu den Gruppen gehört, für die Stiko eine vierte Impfung empfiehlt.

Korbmacher: Korrekt. Dann wird es mit Sicherheit eine neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission geben. Und an die Hygieneregeln denken. Die sind mir wichtig.