Geschichtsstammtisch besucht frühere Vermittlungsstelle in Gruiten

Haan : Gruitener Telefongeschichte erwacht

Der Stammtisch „Gruitener Geschichte(n)“ stattete der alten Vermittlungsstelle am Schirrmannweg einen Besuch ab.

Wilhelm Barthold ist Mitglied des Gruitener Geschichtsstammtisches und wie es der Zufall so will lebt er selbst an einem Ort mit Historie: Seit 50 Jahren gibt es nun die Ortsvermittlungsstelle Gruiten im Schirrmannweg – 1500 Gruitener telefonieren und surfen hierüber im Netz und Wilhelm Barthold wohnt im ersten Stock über Kilometern von Kabeln. Zusammen mit dem Stammtisch wurde am Montag das Jubiläum gefeiert.

Früher wurde Barthold auch mal nachts aus dem Bett geklingelt

Früher, Barthold ist seit zehn Jahren in Rente, war der Fernmeldehandwerker derjenige, der bei einer Störung im Netz auch mal nachts aus dem Bett geklingelt wurde. „Er ist dann im Schlafanzug runter“, erinnert sich seine Tochter Rosalie Barthold. Die 36-Jährige hat aber trotz der als spannend empfundenen Kindheit zwischen Kabeln und Verteilern (besonders im Gedächtnis: die Fahrt auf der rollenden Leiter, die für die Überprüfung des mehr als zwei Meter hohen Hauptverteilers vor Ort ist) nicht zur Telefontechnik gekommen, sondern ist Erzieherin geworden. Und Lothar Weller, seit 27 Jahren Nachbar, ebenfalls aktives Geschichtsstammtischmitglied, war völlig überrascht: „Ich hatte keine Ahnung, was sich hier verbirgt.“

Im Keller kommt alles rein und geht alles raus. Dicke Kabelkanäle schauen da aus der Wand, es brummt ein Kompressor. „Das ist die Kabelüberwachung per Luftdrucktechnik“, erklärt Barthold. „Wenn zum Beispiel ein Kabelkanal durch einen Bagger beschädigt wird, erscheint hier eine Warnung“, sagt Barthold und zeigt auf einen alten, metallischen Kasten – an zwei Stellen leuchten rote Lämpchen.

„Das wird mittlerweile nicht mehr von hier aus geregelt“, weiß der 65-Jährige. Einige dicke Kabelstränge von fünf bis sechs Zentimetern Durchmesser sind bereits gekappt, rund 500 Kanäle liefen hier mal durch, erzählt Barthold. Sie werden schlicht nicht mehr benötigt – Glasfaser heißt das Zauberwort für viel dünnere Kabel. Die neuen Leitungsstränge haben nur einen Durchmesser von rund einem halben Zentimeter, eine einzelne Glasfaser ist haarfein. Nebenan findet sich ein Raum, der für die beinhaltete Technik mittlerweile viel zu groß ist. „Hier lagert die Batterietechnik, die bei einem Netzausfall für circa acht Stunden weiter Strom liefert“, erklärt der Techniker. Einst hätten sich diese Batterien über mehrere Meter erstreckt, davon ist nichts mehr zu sehen. Die neue Generation besteht aus zwei kleinen Boxen, die diese Notversorgung übernehmen können.

Die mechanischen alten Zähler sind nicht mehr in Betrieb

Im Erdgeschoss befinden sich die Verteilerräume – komplizierte Technik, viele dünne Kabelstränge, für den Laien nicht zu durchdringen. „Hiervon laufen noch 130 Anschlüsse analog“, erklärt Olaf Hildbrandt. Er ist Teamleiter Systemtechnik der Telekom und extra für das Jubiläum der Vermittlungsstelle vorbeigekommen. Zum Ende des Jahres sollen aber auch die letzten Anschlüsse auf das digitale „Internet Protocol“ (IP) umgestellt werden – für den Kunden habe das keine Nachteile, es lohne sich schlichtweg nicht, alte Technik für wenige Kunden vorzuhalten, sagt Hildebrandt.

Nicht mehr im Betrieb aber spannend zu sehen: die mechanischen Zähler, die damals noch die Telefongebühren abgerechnet haben, über sogenannte Gebührenimpulse – bei einem Ferngespräch habe es da ganz schön gerattert, weiß Barthold. „Die wurden dann fotografiert und bei der Telefongesellschaft ausgelesen“, erinnert er sich.

Im ersten Stock hat Barthold sein „kleines Telefonmuseum“ eingerichtet. Alte Apparate, Messgeräte in zwei Vitrinen: Das Megohmmeter mit Holzgehäuse hat 1947 zum Beispiel noch Widerstände gemessen, mit einem alten Telefon von 1967 hat sich Barthold einen Scherz erlaubt, es hat zwölf Zahlen auf der Scheibe – „ein Einzelstück“, sagt er.

Eine Wohnung, der Rest ist Technik, aber auch nicht für ewig. „Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird es das alles nicht mehr geben“, weiß Hildebrandt, von 9000 werden deutschlandweit 900 Vermittlungsstellen übrigbleiben, die im Schirrmannweg nicht.

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