Solo-Abend für Grosse: Voll verwendungsfähig

Solo-Abend für Grosse: Voll verwendungsfähig

Mit „Ein Hochstapler erzählt“ überzeugt Intendant Michael Grosse als Schelm, Charmeur und Schauspieler.

Krefeld. Die Rolle eines Intendanten kippt bisweilen ins Schizophrene. Er muss Künstler und Manager sein, bunter Vogel und grauer Theaterverwalter, Alleinherrscher und Mädchen für alles. Im Dauerspagat zwischen diesen Anforderungen bleibt ihm wenig Zeit, seinem eigenen Drang nachzugeben, auf oder hinter der Bühne das zu tun, was ihm in den allermeisten Fällen ursprüngliche Berufung war - Kunst zu erschaffen.

Michael Grosse, der seit dieser Spielzeit die komplexen Geschicke des hiesigen Zwei-Städte- und Drei-Sparten-Hauses lenkt, ist wild entschlossen, seine persönliche Tradition literarischer Solo-Abende auch am Niederrhein nicht abreißen zu lassen. Eine erste Kostprobe gab er am Sonntag mit "Ein Hochstapler erzählt", frei nach Thomas Mann.

Das Publikum, zahlreich von der Neugier ins Theater getrieben, dankte mit Applaus und Bravo-Rufen. Das war nicht nur dem schönen Abend geschuldet, sondern auch Grosses unprätentiöser, offener Art: Er setzt sein Credo, ein "Intendant zum Anfassen" sein zu wollen, mit beeindruckender Konsequenz um.

Der Hochstapler Felix Krull bietet dafür die ideale Projektionsfläche. So hintergründig Thomas Mann den Künstler zum Betrüger macht, so schelmisch spielt Michael Grosse mit der verführerischen Blendkraft des Theaters. Mit wohlfeilen Worten und der richtigen Portion Charme kann man sogar Schuleschwänzen zur sinnhaften Tugend verklären.

Handwerklich gelingt dem Intendanten ein Meisterstück: Er rezitiert nicht, er erzählt - und das ohne nennenswerte Verhaspler oder Hänger. Mit spielerischer Leichtigkeit wechselt er Ton und Tempo, ändert mitten im Satz die Richtung, setzt gekonnt Pointen. Parodie und Imitation nutzt er nur sparsam, was die Ausflüge ins Alberne umso witziger werden lässt. Überhaupt hat man den guten alten Thomas Mann selten so unverkrampft komisch und gut aufgelegt erlebt.

Den gestelzten Bandwurmsätzen des Nobelpreisträgers, in denen man sich beim Hören leicht verlieren könnte, verleiht Grosse scheinbar unangestrengt Rhythmus und Energie. Höhepunkt der Aufführung, die man eins zu eins als unterhaltsames Hörbuch produzieren könnte, wird Krulls Musterung. Der Künstler Grosse verdient sich damit den höchsten Tauglichkeitsgrad der Intendantenlaufbahn: voll verwendungsfähig.

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