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13.000 Krefelder haben nur einen befristeten Job

Job auf Zeit : 13.000 Krefelder arbeiten befristet

Gerade junge Menschen bekommen oft nur einen „Job auf Zeit“. Eine Gewerkschaft schlägt Alarm.

1 490 neue Azubis haben in Krefeld eine Lehrstelle und einen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Sie werden in ihrem Beruf angeleitet. „Aber was kommt danach?“, fragen die Verantwortlichen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sie bemängeln: „Eine große Hürde nach der Ausbildung ist der Trend der Unternehmen zum Job auf Zeit, zur Befristung.“ Die WZ sprach mit Manja Wiesner, Geschäftsführerin der NGG-Region Krefeld-Neuss.

Sind die Berufseinsteiger besonders von den Befristungen betroffen?

Manja Wiesner ist seit 2016 Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Krefeld-Neuss.  Foto: ngg
Manja Wiesner ist seit 2016 Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Krefeld-Neuss. Foto: ngg Foto: NGG

Manja Wiesner: Ja. Das zeigt auch die amtliche Statistik. So waren in NRW im vergangenen Jahr 17 Prozent der 20- bis 30-Jährigen befristet beschäftigt – Azubis nicht mitgerechnet, da haben wir keine genauen Zahlen. Danach hatten insgesamt 643 000 lediglich einen befristeten Arbeitsvertrag. Das ist immerhin jeder zwölfte Beschäftigte.

Was sind die Auswirkungen für die jungen Leute?

Wiesner: Wer als Job-Starter eine Familie gründen oder einen Kredit für die Wohnungseinrichtung bekommen will, der braucht einen sicheren Arbeitsplatz und keinen Zeitter-Vertrag.

Liegt Krefeld, was die genannten Jobs auf Zeit angeht, im Durchschnitt?

Wiesner: Ja

Gibt es Zahlen über diese befristeten Arbeitsverhältnisse und wo kommen sie dominant vor?

Wiesner: Solche „Arbeitsplätze mit Verfallsdatum“ sind nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in der Nahrungs- und Genussmittelbranche besonders verbreitet. Hier sind bundesweit knapp 54 Prozent aller Übernahmen befristet. Ähnlich sieht es bei den Neueinstellungen aus: Hier zählt die Branche mit einer Befristungsquote von 73 Prozent zu den Spitzenreitern. Auch in Hotels und Gaststätten sind diese Arbeitsverträge zum Berufsstart gang und gäbe. Dort sind 35 Prozent aller Übernahmen befristet.

Wie hoch ist die Zahl der Azubis, die die Ausbildung abbrechen?

Wiesner: Das sind nicht so viele. Meistens junge Leute, die die Zeit genutzt haben, um auf einen Studienplatz zu warten und ihn bekommen haben oder diejenigen, die herausfinden, dass der Wunschberuf gar nicht zu ihnen passt.

Was veranlasst die Unternehmen zu diesen Befristungen? Um flexibler bei Einstellungen und Kündigungen zu sein?

Wiesner: Es ist eine „Unternehmer-Unsitte“. Es kann nicht sein, dass Betriebe trotz Hochkonjunktur in vielen Branchen so stark auf Befristungen setzten. Viele Unternehmen beklagen den Mangel an Fachkräften. Gleichzeitig bieten sie grundsätzlich nur befristete Neueinstellungen an. Ein unbefristetes Arbeitsverhältnis ist der erste Schritt, um attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten und sich so die Fachkräfte zu sichern. Allein in Krefeld arbeitet jeder achte Berufstätige in einem befristeten Job. Das sind 13.000 Krefelderinnen und Krefelder.

Wie werden Sie dieser „Unternehmer-Unsitte“ begegnen?

Wiesner: Wir sprechen mit den Arbeitgebern, dass Befristungen die Ausnahme sein müssen, und sie Verantwortung übernehmen müssen. Zudem unterstützen wir Betriebsräte in ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten bei Einstellungen. Außerdem stellen wir an das Bundesarbeitsministerium die Forderung, dass alle Betriebe gleich behandelt werden, egal wie viele Beschäftigte sie haben. Denn: Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Befristungen wieder die Ausnahme werden sollen. Sachgrundlose Befristungen sollen zukünftig nur 2,5 Prozent der Belegschaft umfassen. Allerdings soll dies nur für Betriebe mit mehr als 75 Beschäftigte gelten. Ein Großteil der Beschäftigten im Gastgewerbe und im Lebensmittelhandwerk hätte davon praktisch nichts.