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Medienhafen: Ich suche einen Parkplatz, andere sitzen im Restaurant

Medienhafen: Ich suche einen Parkplatz, andere sitzen im Restaurant

Das kommt davon, wenn man nicht ins Parkhaus fährt.

Ich parke gern. Vor allem abends, wenn ich heim komme in den Hafen. Oft nach langer Fahrt. Ich freue mich dann schon Stunden vorher darauf, nach dem Einparken noch schnell etwas in den umliegenden Lokalen zu mir zu nehmen. Das soll meine Entschädigung sein für eine eng getaktete Zeit. Nun sollen die Räume weit werden.

WZ-Autor Hans Hoff würde sich als Denkmal sicher gut machen.
WZ-Autor Hans Hoff würde sich als Denkmal sicher gut machen. Foto: B. Nanninga

Leider werden sie erst einmal eng. Weil ich keinen Parkplatz finde. Weil ich unfreiwillig das Cruisen lerne. Cruisen nennt man das in Amerika, wenn man in einem großen Auto sinnlos durch die Gegend fährt, das Dach offen, und am locker aus dem Fenster gehängten Arm streicht der warme Abendwind vorbei.

Leider ist mit warmem Abendwind nicht so viel in diesen Zeiten. Es herrscht ja die vierte Jahreszeit. Bekanntlich gibt es ja Frühling, Sommer, Herbst und Sitzheizung. Ja, Sitzheizung. Immer wenn es fröstelt, schalte ich die Sitzheizung an. Das wärmt nicht nur die Seele.

Die allerdings zieht sich zusammen, wenn ich zu Hause ankomme. Natürlich ist kein Parkplatz frei vor meiner Tür in der Erftstraße. Hatte ich auch nicht ernsthaft erwartet. Es ist ja Abend. Alle sind zu Hause oder zu Gast in den umliegenden Restaurants. Also fahre ich weiter in die Siegstraße und merke an ihrem Ende, dass auch dort jeglicher Raum von anderen belegt ist. Also Rückwärtsgang einlegen, denn die Siegstraße ist eine Sackgasse. Zwar stehen hier nirgendwo Säcke herum, aber der Name bleibt trotzdem. Sackgasse.

Zugegeben, ich bin ein schlechter Rückwärtsfahrer. Mir verschwimmen leicht die Sinne, wenn mein Vehikel nicht in die ordnungsgemäße Richtung driftet. Ich verrenke mich dann auf meinem Sitz und rolle langsam zurück. Sehr lange rolle ich zurück, denn die Siegstraße ist eine sehr lange Sackgasse, eine schier endlose. Links Blech, rechts Blech und in der Mitte ich, verrenkt, verknotet, angefeuert von der Herausforderung. Und von meiner Sitzheizung.

Wer diese Sackgasse wohl konstruiert hat? Ich würde gerne mal ein Wörtchen mit ihm reden. Mehrfach muss ich neu ansetzen, muss wieder nach vorne fahren, mein Auto neu ausrichten und dann wieder versuchen, rückwärts aus dem Sack zu entfliehen.

Ich fluche und schimpfe dann gerne. Und ich schwitze. Es ist ja Sitzheizung. Noch mehr fluche und schimpfe ich, wenn hinter mir plötzlich jemand auftaucht, der auch in der Siegstraße nach einem Parkplatz sucht. Wenn derjenige dann noch sehr dicht auffährt, obwohl er doch sehen müsste, dass ich gerade im Schweiße meines Angesichts die Flucht aus dem Sack probiere, bin ich schnell gebadet.

Es dauert dann in der Regel eine Weile, bis der hinter mir suchende Fahrzeughalter versteht, dass im Sack nichts zu holen ist. Also legt auch er den Rückwärtsgang ein. Ich sehe gleich, dass er das mindestens genauso schlecht kann wie ich. Er fährt, er verkantet sich, er muss wieder nach vorne und sich neu ausrichten. Besonders lustig wird es, wenn dann noch ein drittes Auto auffährt. Dann ist echt Manhattan in der Siegstraße, dann steht der Verkehr still. Dann bin ich froh, dass ich eine Sitzheizung habe.

Irgendwann ist es dann geschafft, dann ist der Dritte weg und der Zweite auch. Dann bin ich dran. Ich schwitze, ich zittere und schwöre, nie wieder in die Siegstraße zu fahren. Das tue ich mir nicht noch einmal an.

Also drehe ich wieder meine Runden. Erftstraße, Hammerstraße, Wupperstraße, Erftstraße, Hammerstraße, Erftstraße... Das kann dauern. Ich sehe die Menschen in den warm beleuchteten Lokalen sitzen. Sie haben Spaß, sie haben zu trinken. Und zu essen. Ich habe nur die Sitzheizung. Bei meiner fünften Runde versuche ich es mit einer Variation. Hammerstraße, Gladbacher Straße, Wupperstraße, Erftstraße. Wieder nichts.

Um die Ecke liegt die Siegstraße, die Sackgasse meiner Alpträume. Nein, da fahre ich nicht rein. Ich will nicht noch einmal den Stress. Also wieder cruisen. Eine halbe Stunde ist längst vergangen, als ich auf der großen Runde noch einmal in Sichtweite der Siegstraße lande. Sollte ich es doch noch einmal wagen? Ich meine, ich habe lange nicht im Lotto gewonnen, das Glück könnte mir also durchaus gewogen sein. Ich wäre sozusagen fällig.

Doch, ich versuche mein Glück. Aber der Sack ist so zu wie eh und je. Wieder muss ich rückwärts fahren, mich wieder unwürdig verbiegen. Mein Gott, wie ich das hasse. Nach einer Dreiviertelstunde bin ich kurz davor, ins Parkhaus zu fahren, da entdecke ich eine Parklücke. Gar nicht so weit weg. Höchstens 15 Minuten zu laufen. Das ist doch ein Klacks. Ich schnappe meine schweren Koffer und dann noch eine Tasche und dann noch eine Tüte und dann noch meinen Mantel und meinen Regenschirm.

Ich merke gleich, wie anfällig mich die Sitzheizungsverwöhnung für das wahre Wetter macht. Nach kurzer Gehzeit möchte ich einen Arzt rufen, der mich wegen Unterkühlung behandeln soll. Irgendwann komme ich an den Lokalen vorbei. Sie sind fast leer, aber die Menschen, die noch drin sind, haben Spaß. Ich nicht so. Ich schleppe und fluche. Und ich friere.

Schließlich komme ich vor meiner Haustüre an, und was klafft dort? Eine riesige Parklücke. Da passt mein Wagen zweimal rein, denke ich. Ich beobachte die Lücke genau. Sie bleibt frei. Mir zum Hohn. Ich überlege kurz, ob ich schnell noch meinen Wagen holen soll, aber ich weiß: Wenn ich wieder zurück bin, parkt hier jemand, und alles geht von vorne los.

Als ich dann alles in der Wohnung habe und noch raus gehe, um mich vor dem Hungertod zu retten, hat bei allen Lokalen die Küche zu. Frustriert kaufe ich mir eine Tafel Schokolade. Und als ich an der Siegstraße vorbeikomme, gehe ich in der Mitte der Straße. Vorwärts, rückwärts, vorwärts, rückwärts. Gut, dass mich niemand sieht. Aber ich muss das einfach tun, zeigen, dass ich das kann, dass ich die Sackgasse beherrsche und nicht die Sackgasse mich. Ohne Auto geht das wunderbar. Ohne Auto verliert selbst ein Sack seine Bedrohlichkeit.

Trotzdem: Morgen nehme ich ein Taxi. Ich habe jetzt einen Parkplatz. So etwas gibt man nicht mehr her. Den behalte ich. Und irgendwann vererbe ich ihn. Mitsamt der Sitzheizung.