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Ein Leben zwischen Treuepunkt und Paybackwert

Ein Leben zwischen Treuepunkt und Paybackwert

Abstrakte Zahlensalate sorgen an vielen Stellen für Überforderung

Zahlensalat Ich höre Stimmen. Immer wieder. Nein, nein, es sind nicht die Spätfolgen einer durchzechten Silvesternacht. Ich stehe auch akut nicht unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Substanzen wie Altbier oder Killepitsch. Ich höre wirklich Stimmen. Vor allem beim Einkaufen plagen sie mich.

WZ-Autor Hans Hoff würde sich als Denkmal sicher gut machen.
WZ-Autor Hans Hoff würde sich als Denkmal sicher gut machen. Foto: B. Nanninga

Kürzlich erst nestelte ich im Herrenkaufhaus Anson’s an den Pulliständern, da kam es von oben. „3000 bitte in den Poloshop.“ Es durchzuckte mich. Wer ist 3000, dachte ich. Und wo ist der Poloshop? Was ist das für ein geheimer Code? Beobachtet mich die NSA? Ich dachte noch nach, da verlieh die geheime Stimme ihrem Anliegen Nachdruck. „3000 bitte.“ So ist das also, dachte ich. Sie haben hier im Kaufhaus Probleme mit 3000. Entweder ist 3000 schläfrig oder widerborstig. Ich eilte in den Poloshop, um zu schauen, wie 3000 wohl aussieht. Aber 3000 kam nicht. Auch die Stimme rief nicht mehr nach 3000. 3000 war wohl durch. Stattdessen gab es einen neuen Imperativ. „500 bitte in die Anzugabteilung. 500 bitte.“ Ich war verwirrt. Wer denn nun? 3000 oder 500? Und was sind das für Bezeichnungen, die ein bisschen klingen wie R2D2 und C3PO. Die kenne ich wenigstens, diese putzigen Androiden aus Star Wars. Aber 3000 und 500?

Ich fragte mich, ob 3000 und 500 sich wohl kennen, ob sie vielleicht Mann und Frau sind, ob sie sich gar mögen. Was würde wohl passieren, wenn aus diesem Mögen mehr würde. Könnten 3000 und 500 dann heiraten? Würden sie dann gemeinsam ausgerufen? „3500 bitte irgendwohin.“ Und wenn sie Kinder bekämen, wie hießen die dann wohl, 3,5 oder doch 35? Und benähmen sich diese Gören dann im Sandkasten ungehörig, hörte man die Eltern rufen. „3,5 lässt du bitte das Schüppchen von R2D2 fallen.“ Und wie liefe das wohl bei IKEA. Hörte ich dort die wachsweiche Ansage: „Der kleine 3,5 möchte gerne aus dem Smaland abgeholt werden.“

Ich überlegte kurz, welche Nummer denn für mich wohl idealerweise in Frage käme. Wäre ich gerne die 17 oder wegen meines doch recht stattlichen Körperumfangs lieber die 7000? Sicher ist auf jeden Fall, dass meine Angebetete als Primzahl daherkäme, ihrer Einzigartigkeit wegen. Ich sinnierte noch, da erklang ein Gong. Ein sanfter Mehrklang, und es folgte eine schmeichelnde Frauenstimme. „Liebe Kunden, wir öffnen Kasse drei für Sie.“ Ich war inzwischen im Aldi, und dort verwirrt man den Kunden nicht mit Zahlen. Das beruhigte mich.

Allerdings kam ich schon beim DM wieder durcheinander, als man wissen wollte, ob ich eine Paybackkarte hätte. Ich verneinte, weil ich die Registrierung wegen eines winzigen Preisvorteiles ablehne. Auch beim Rewe verneinte ich, als man an der Kasse wissen wollte, ob ich Treuepunkte sammele. Treuepunkte? Wie viele davon braucht man, um einmal fremdgehen zu dürfen?

Es ist eine fremde Welt, die mit den vielen Zahlen da draußen. Ich weiß nicht, ob ich dieses Gewirr auf Dauer durchdringe. Ich muss üben. Ich spiele Lotto. Beim Ausfüllen des Zettels wird es mir klar. In diesem Leben ist meine Frau der Sechser. Und ich? Ich bin nicht 3000, ich bin nicht 500, ich bin kein Treuepunkt und auch kein Paybackwert. Ich bin die Zusatzzahl. Gut zu wissen.