Walter Tokarski: „Nur ein Idol ist zu wenig“

Walter Tokarski: „Nur ein Idol ist zu wenig“

Der Rektor der Sporthochschule Walter Tokarski (64) fordert ein nachhaltiges Sportkonzept für Köln.

Herr Professor Tokarski, ist Köln eine Sportstadt?

Walter Tokarski: Köln ist aus meiner Sicht keine Sportstadt. Sie hat zwar das Potenzial dazu, nutzt es derzeit aber nicht. Es gibt drei Aspekte, die eine Sportstadt ausmachen. Das sind Großereignisse wie Weltmeisterschaften, das sind die Profivereine und das ist der Breitensport. Großereignisse haben wir in Köln, leider fehlt es aber an Nachhaltigkeit. Wir hatten die Eishockey-WM genauso wie das Endspiel der Frauen um den DFB-Pokal — aber alles geht an den Köpfen der Kölner vorbei und die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sind nicht in der Lage, solche Ereignisse zum Vorteil der Stadt zu nutzen.

Auch bei den Profivereinen gibt es derzeit reichlich Probleme.

Tokarski: Spitzenclubs sind zwar in verschiedenen Sportarten vorhanden und Vereine wie der FC haben durchaus viele Zuschauer. Dadurch, dass er aber gerade wieder gegen den Abstieg kämpfen muss, fehlt die Ausstrahlung. Und die Querelen bei der Mitgliederversammlung und die Geschehnisse um Michael Meier fördern nicht gerade das positive Image des Vereins. Dann gibt es noch die Haie, die derzeit weit hinten in der Tabelle stehen. Beim Basketball hat sich Köln schon seit Längerem aus dem Profigeschäft verabschiedet und auch American Football konnte sich als Profisport in Köln nicht durchsetzen. Das spricht alles nicht unbedingt für die Sportstadt Köln.

Was sind die Ursachen für die Misere im Kölner Profisport?

Tokarski: Das kann man nur schwer verallgemeinern. Was grundsätzlich nicht stimmt, ist wohl das professionelle Management. Da gibt es einfach zu viele Querelen. Dazu kommt, dass Vereine, die keinen Erfolg haben, eine negative Ausstrahlung besitzen, und es so an Begeisterung in der Bevölkerung fehlt.

Der FC versucht sich gerade beim Management mit neuen Kräften auszustatten. Gibt es da doch noch Chancen für einen Lichtblick?

Tokarski: Die Chance, mit neuen Kräften etwas Positives zu schaffen, ist immer gegeben. Das gilt selbst, wenn alte Strukturen bestehen bleiben. Ob es jetzt beim FC mit einer Strukturänderung und neuem Personal getan ist, kann ich nicht voraussagen. Es gibt beim FC so ein trauriges wie altes Phänomen: Wenn bestimmte Spieler, die woanders gut waren, zum FC kommen, bringen sie warum auch immer nicht mehr die Leistung, wegen der sie eingekauft wurden. Und wenn sie weggehen, tauchen sie plötzlich wieder positiv in den Zeitung auf. Es muss beim FC irgendetwas geben, das im Umgang miteinander nicht stimmt, und das nicht erst seit dieser Saison.

Welche Rolle spielen Sportidole wie Lukas Podolski?

Tokarski: Die sind natürlich wichtig, aber einer ist klar zu wenig. Das mag auch daran liegen, dass beim Profifußball immer mehr auf ausländische Spieler gesetzt wird und man dadurch den eigenen Nachwuchs vernachlässigt. Da geht es nur um den kurzfristigen Erfolg. Eigengewächse könnten dagegen lokale und regionale Authentizität aufbauen und als Leuchttürme ihres Sports wirken.

Ist Profisport langfristig finanzierbar?

Tokarski: Die Frage ist eher, ob die Vereine über ihre Verhältnisse leben. Es wurde im Profisport noch nie so viel Geld bewegt wie heute und trotzdem kommen die Vereine mit ihrer Finanzdecke nicht aus. Das resultiert auch daraus, dass zu viel Transfergeld bezahlt wird, um den schnellen Erfolg zu erkaufen. Da wäre eine konsequente Nachwuchsförderung die bessere und preisgünstigere Alternative.

Wie sieht es mit dem Breitensport in Köln aus?

Tokarski: In Köln sind weniger Menschen in Vereinen organisiert, als das in anderen Städten der Fall ist. Dafür steht der individuelle Sport insbesondere beim Laufen hier mehr im Vordergrund. Wir sind, seitdem wir den Köln-Marathon haben, zu einer Laufstadt geworden. Leider hat dieser etwas von seiner Faszination verloren, weil die Spitzenläufer und damit die Topzeiten ausbleiben. Das Ganze ist zum Volksereignis mit karnevalistischen Zügen geworden. Damit spricht man zwar die Bevölkerung an, aber ob damit dem seriösen Sport in Köln geholfen ist, stelle ich in Frage.

Welche Rolle spielt die Sportwissenschaft für die Stadt?

Tokarski: Die Anhäufung von sportwissenschaftlichen Einrichtungen ist eine Besonderheit in Köln — ein Potenzial, das die Stadt leider nicht hinreichend nutzt. Wir werden als größte Sporthochschule Europas immer wieder in den Medien genannt. Aber wir haben hier auch die Trainerakademie, die Hennes-Weisweiler-Akademie, wir haben das Deutsche Sport- und Olympiamuseum und die Fortbildungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes sowie die Sportstiftung NRW. Wir können in diesem Bereich also sehr viel bieten, was leider zu wenig vermarktet wird. Da muss dringend etwas getan werden, um dem Anspruch Sportstadt Köln gerecht zu werden. Ich vermisse hier im Moment eine sportpolitische Konzeption der Stadt. Die Grundlage wäre in der von uns erarbeiteten Sportagenda 2015 gegeben. Sie liegt dem Oberbürgermeister seit zwei Wochen vor und muss nun im Rat entsprechend umgesetzt werden.

Mit Jürgen Roters steht eigentlich ein sportbegeisterter OB an der Stadtspitze.

Tokarski: Jürgen Roters hat, bevor er Oberbürgermeister geworden ist, an der Agenda 2015 mitgearbeitet. Er selbst ist sicher der Erste, der das auch vertreten wird. Aber als OB alleine kann er die Ziele der Agenda nicht durchsetzen. Es geht zum Beispiel bei der Sanierung der Sportstätten darum, Entscheidungen zu treffen und die Finanzierung zu sichern. Da müssen auch private Geldgeber gesucht werden.