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Merkels Einfluss in einer Welt der Egoisten schwindet

Meinung : Merkels Einfluss in einer Welt der Egoisten schwindet

Das Familienbild beim G20-Gipfel hat Bände gesprochen: Angela Merkel stand ganz außen am Rand. Abgemeldet oder auf maximaler Distanz zu den Herren in der Mitte, so oder so lässt sich das Foto interpretieren.

Herausgekommen ist bei diesem Treffen der Staatenlenker nicht viel – beim Klimaschutz einigte man sich mit Mühe auf einen faulen Kompromiss. Die Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China ist zwar abgewendet worden, doch die Auseinandersetzung kann jederzeit neu aufflammen nach einem der nächsten Tweets von US-Präsident Donald Trump. Dann allerdings mit schweren Folgen für die Weltwirtschaft.

Schaut man aus deutscher Sicht auf den Gipfel, ist eine Erkenntnis diese: Die Welt hat sich seit dem Treffen vor zwei Jahren in Hamburg mit Angela Merkel als Gastgeberin noch einmal verändert, oder um es so zu sagen: Sie ist inzwischen völlig anders geworden, als die deutsche Kanzlerin es gerne hätte. Merkel mühte sich in Osaka zwar nach Leibeskräften, ihre Vorstellungen internationaler Kooperation am Leben zu erhalten. Doch im Konzert der Egoisten spielt sie damit nur noch eine zweite Geige.

Ein Kommentar von Hagen Strauß. Foto: nn

Auch wenn die Trumps und Putins sich gerne mit ihr sehen lassen, weil sie weltweit hohes Ansehen genießt, der reale Einfluss Merkels ist mittlerweile begrenzt. Alle wissen, dass die Amtszeit der Kanzlerin bald endet. Dennoch zeigt sie sich unbeugsam, weil sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, ein Stück der alten und besseren Weltordnung bewahren zu können. Respekt dafür. Das Vakuum wird groß sein, das Merkel auf internationaler Bühne hinterlassen wird.

Was außenpolitisch gilt, könnte sich auch innenpolitisch abzeichnen. Noch hat man den Eindruck, die Regierungschefin hat daheim die Fäden weitgehend in der Hand. Sie lässt sich nicht beirren, bis zum Ende der Legislaturperiode tatsächlich Kanzlerin zu bleiben. Doch wie lange geht das gut? Die Sorge ist da, dass die Chancen der Union auf den Machterhalt durch die Nachfolgekämpfe im Hintergrund verspielt werden könnten, wenn Merkel nicht alsbald personell neue Weichen stellt.

Das muss (noch) nicht die eigene Person betreffen. In der jetzigen Phase der europäischen Politik könnte sich jedoch die Gelegenheit bieten. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen oder Wirtschaftsminister Peter Altmaier werden jetzt für einen Job in Brüssel gehandelt, wo doch Manfred Weber nicht Kommissionspräsident wird. Das wiederum würde die Tür ins Kabinett öffnen für Annegret Kramp-Karrenbauer. Die Gelegenheit ist günstig, dass Merkel nun das weiter regelt, was sie mit dem Verzicht auf den Parteivorsitz begonnen hat – ihre Nachfolge. Sonst übernehmen das vielleicht demnächst andere.