Sicherheitspersonal an Flughäfen - Warum 2000 Stellen unbesetzt sind

Tarifverhandlungen : Sicherheitspersonal an Flughäfen - Warum 2000 Stellen unbesetzt sind

Nach mehreren Warnstreiks gehen die Tarifverhandlungen für das Sicherheitspersonal an deutschen Flughäfen am Mittwoch weiter. Wir sprachen mit Benjamin Roscher, Verhandlungsführer der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, über die Aussichten.

Herr Roscher, ist die Forderung nach 20 Euro pro Stunde für alle nicht übertrieben? Das entspricht einem Zuwachs von bis zu 44 Prozent?

Benjamin Roscher: Nein, von übertrieben kann keine Rede sein. Schon heute müssen übertarifliche Zuschläge bezahlt werden, um überhaupt Personal zu finden. An den Flughäfen Düsseldorf oder Köln/Bonn zum Beispiel haben wir teilweise einen Ist-Lohn von 19,50 Euro die Stunde, obwohl im Tarif 17,05 Euro stehen.

Wie viele Stellen sind denn unbesetzt?

Roscher: Bundesweit fehlen etwa 2000 Beschäftigte. Das Problem lässt sich nur mit besserer Bezahlung lösen.

Heute gibt es zwischen den Bundesländern ein riesiges Gefälle beim Stundenlohn. Das wollen sie ändern?

Roscher: Richtig. Und das möchten die Arbeitgeber auch, nur langsamer. Die angebotenen fünf Jahre sind zu viel. Der Osten hat zwar aufgeholt, aber noch ist die Lücke zu den westlichen Bundesländern gewaltig. Unser Ziel ist es, sehr schnell zu einem bundeseinheitlichen Tarif zu kommen.

Wie schnell?

Roscher: Wenn das Gesamtpaket stimmt, können wir uns eine Laufzeit von mehr als einem Jahr vorstellen. Wir werden uns auch gegen einen Stufenplan nicht wehren. Aber ein solcher Kompromiss setzt voraus, dass die Arbeitgeber sich erheblich bewegen. Ich bin zuversichtlich, dass es Mittwoch mit einem Abschluss klappt.

Warum wollen Sie die unterschiedliche Entlohnung verschiedener Tätigkeiten aufheben?

Roscher: Wer heute Passagierkontrollen macht, wird besser bezahlt als Beschäftigte, die die Fracht oder das Flughafenpersonal prüfen. Wir möchten eine Entgeltgruppe für alle, die durch ihre Ausbildung und eine behördliche Prüfung qualifiziert und zertifiziert sind. Dabei spielt es dann keine Rolle mehr, ob sie Personen, Gepäck, Fracht, Waren oder Personal kontrollieren.

Um wie viele Beschäftigte geht es dabei?

Roscher: Bundesweit etwa 19 000 bis 20 000. Nicht dabei sind Servicekräfte oder Mitarbeiter, die Streife laufen oder Flugzeuge bewachen, bundesweit zusammen etwa 3000. Für diese Gruppe fordern wir eine deutliche Entgeltrunde, nicht die 20 Euro pro Stunde.

Ist die Bereitschaft zu weiteren Warnstreiks groß?

Roscher: 80 bis 90 Prozent der Beschäftigten, die Dienst gehabt hätten, haben sich an den Warnstreiks beteiligt. Das war extrem viel, die Unzufriedenheit unter den Beschäftigten ist riesig. Wenn es nicht zu einem Abschluss kommt, ist die Streik-Bereitschaft entsprechend ausgeprägt.

In Bayern ist ein kommunales Unternehmen für die Sicherheit an den Flughäfen zuständig. Privatfirmen kommen nicht zum Zuge. Ist das ein Vorbild für den Rest des Landes?

Roscher: Jedenfalls ist das ein interessantes Beispiel. Die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen nach den Bedingungen des öffentlichen Dienstes sind an den Airports in Bayern besser als in anderen Bundesländern.

Was halten Sie von Sicherheitskontrollen durch die Flughäfen? Die Airports fordern das. Derzeit ist die Bundespolizei zuständig, die die Aufgabe an Privatfirmen weiterreicht.

Roscher: Über diese Frage wird intensiv diskutiert, auch bei uns. Verdi hat dazu noch keine abgestimmte Meinung.

Was bringen die Kontrollen?

Roscher: Sie sind notwendig. Flugpassagiere empfinden die Kontrollen oft als lästig. Aber nach einem Bericht der Bundespolizei wurden 2016 an deutschen Flughäfen rund 300 000 verbotene Gegenstände gefunden, darunter 579 funktionsfähige Schusswaffen und 1800 Sprengstoffe und Munitionsteile.

Was sind die Voraussetzungen, um im Bereich Sicherheit am Flughafen zu arbeiten?

Roscher: Es handelt sich nicht um einen Ausbildungsberuf. Um die behördliche Prüfung machen zu können, müssen sie aber eine dreijährige Berufsausbildung oder eine fünfjährige Berufstätigkeit nachweisen können. Direkt nach der Schule geht es also nicht. Die Kurse umfassen dann in der Regel 240 Unterrichtsstunden. Das ganze Verfahren dauert zwei bis drei Monate. Derzeit haben wir Durchfallquoten von 40 bis 50 Prozent.

Werden die Luftsicherheitsgebühren steigen, wenn die Beschäftigten besser bezahlt werden?

Roscher: Das müssen Sie die Firmen fragen. Derzeit dürfen maximal zehn Euro pro Passagier und Ticket berechnet werden. Teilweise liegt die Gebühr aber auch deutlich darunter, in Berlin-Schönefeld zum Beispiel bei 6,10 Euro. Bei kleinen Flughäfen wie Saarbrücken sind es zehn Euro, weil der Aufwand trotz niedriger Passagierzahlen immer gleich hoch ist. Die Luftsicherheitsgebühr ist aber nicht unser Problem. Es gibt Gesellschaften wie Ryanair, die Flüge von Hamburg nach Mallorca für 1,99 Euro verkaufen, also weit unterhalb der Luftsicherheitsgebühr. Hier tobt ein Preiskampf, der seinesgleichen sucht.

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