Jobabbau bei Bayer in Wuppertal könnte zu Umdenken bei Aicuris führen

Verhandlungen: Jobabbau bei Bayer in Wuppertal könnte zu Umdenken bei Aicuris führen

Der Bayer-Konzern wird bis zu 750 Arbeitsplätze am Standort Wuppertal abbauen. Das könnte auch die Zukunft des ausgezeichneten Unternehmens Aicuris beeinflussen. Der Geschäftsführer lässt durchblicken, dass Verhandlungen anstehen.

Der Bayer-Konzern hat Ende November 2018 angekündigt, in Deutschland mehr als 1000 Arbeitsplätze im Bereich Forschung und Entwicklung abzubauen. Welche konkreten Folgen dies für den Industriestandort Wuppertal haben wird, darüber hält sich Bayer weiterhin mit Informationen zurück. Allein in Wuppertal sind nach Angaben des Betriebsratsvorsitzenden Michael Schmidt-Kießling fast 400 Arbeitsplätze betroffen. Da Bayer zudem angekündigt hat, das Wuppertaler Projekt zum Blutgerinnungswirkstoff Faktor VIII einzustellen, könnte sich die Zahl der Arbeitsplätze, die am Standort wegfallen, auf 750 erhöhen. Dass sich Bayer am Standort Wuppertal neu aufstellt, erhöht aber auch die Chancen, dass das Unternehmen Aicuris nun doch in Wuppertal bleibt.

Da sich das Bayer-Werk Elberfeld und das Forschungszentrum Aprath seit Jahren auf Wachstumskurs befinden, hatte sich Aicuris nach einem neuen Standort umgesehen und schien ihn in der Nachbarstadt Haan gefunden zu haben. Die Biotechfirma, die 2006 als Ausgründung von Bayer entstanden ist, war 2018 in Berlin mit dem begehrten Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation ausgezeichnet worden.

Noch keine vertragliche Vereinbarung mit Haan

Holger Schmoll, Geschäftsführer von Aicuris, lässt auf Anfrage unserer Zeitung durchblicken, dass für Aicuris in dieser Woche Gespräche mit Bayer und der Stadt Haan anstehen. Erst dann werde es öffentliche Stellungnahmen zum Verbleib oder Wegzug von Aicuris geben. Einen Tag vor der Ankündigung von Bayer, den Konzern umzustrukturieren, war Aicuris für seine bahnbrechenden Forschungs- und Entwicklungsleistungen auf dem Gebiet der Anti-Infektiva-Forschung geehrt worden. Nachdem der Wegzug von Aicuris und seinen rund 65 Mitarbeitern im Sommer 2018 besiegelt schien, hat das Unternehmen nun die Wahl. Folgender Satz von Holger Schmoll lässt aufhorchen: „Vertragliche Vereinbarungen gibt es bisher weder mit Bayer noch mit der Stadt Haan“. „Kein Kommentar“, heißt es dazu vom Bayer-Konzern.

Oberbürgermeister Andreas Mucke hatte nach dem ersten Schock über die Bayer-Pläne die Hoffnung geäußert, „dass dafür an anderer Stelle im Wuppertaler Werk neue Arbeitsplätze entstehen“. Dabei hatte Mucke unter anderem das Unternehmen Aicuris im Sinn.

Bayer Wuppertal hält sich mit Prognosen über die Entwicklung des Standortes und seiner rund 3500 Mitarbeiter zurück. „Wir befinden uns aktuell in einem Wandlungsprozess, der mitbestimmungspflichtig ist. Zum aktuellen Stand der Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern kann ich nur sagen, dass wir im Dezember schon weiter sein wollten“, so Mike Matthäus, Leiter Chemiepark Management, und er fügt hinzu: „In der Vergangenheit haben wir sozialverträgliche Lösungen gefunden.

Die Ankündigung, dass Bayer bereits getätigte Investitionen in Höhe von knapp 600 Millionen Euro für die Produktion des Wirkstoffes Faktor VIII abschreiben wird, relativiert Matthäus, der betont, dass Wuppertal weiterhin als Standort für Forschung und Entwicklung präsent bleibe. „Wir arbeiten weiter an der Infrastruktur und wir bleiben der größte private Arbeitgeber in der Stadt“, sagt Mike Matthäus.

Das neue Laborgebäude auf Aprath werde mit Hochdruck fertiggestellt. Die Eröffnung ist für 2020 geplant. Bayer Wuppertal habe mit dem Medikament Finerenone einen weiteren Entwicklungskandidaten in der Pipeline. 2021 könnte dieses Präparat auf den Markt kommen, das zurzeit in der Phase III weltweit an 11 000 Patienten mit Schädigungen der Nieren und bei chronischer Herzschwäche in einer Langzeitstudie getestet wird. Ein bis zwei Milliarden Euro kostet es, ein neues Medikament zu entwickeln und es über drei Testphasen bis zur Zulassung zu bringen.

Dass das Projekt Faktor VIII auf das Werk Berkeley in den USA konzentriert werde, bedeute keinen Stillstand im Werk Elberfeld. Das Analytikgebäude, das Lager und die Kälteversorgung könnten auch anderweitig genutzt werden. Für die mehr als 220 Räume in dem eigens für die Produktion des Wirkstoffs Faktor VIII geschaffenen Gebäude müssten neue Verwendungen gefunden werden, so Matthäus. Womit sich die Frage nach der Zukunft des Bayer-Sprösslings Aicuris stellt, der eigentlich aus Platzgründen das Werk an der Wupper verlassen sollte. Holger Schmoll will Gespräche mit Bayer, der Stadt Haan und dann erst mit den Medien führen. Der Einzug in das bereits bestehende Laborgebäude im Bayer-Werk Elberfeld wäre für das Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes eine naheliegende Lösung.

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