Worringer Platz: Eine stille Passage ohne Passanten

Worringer Platz: Eine stille Passage ohne Passanten

In dem alten Fußgängertunnel unter dem Worringer Platz scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Düsseldorf. Zwischen zahlreichen Tischen und Stühlen eines Eiscafés am Rande des Worringer Platz erhebt sich eine kleine graue Box aus dem Boden. Sie wirkt wie ein Schaltkasten für Gas oder Strom, Passanten hasten an ihr vorbei, beachten sie nicht im Geringsten. Und doch ist der Kasten ein Relikt, ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit, in der der Worringer Platz im Herzen der Innenstadt noch ein gänzlich anderes Gesicht hatte.

Die alte Passage heute — die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein, Graffiti an den Wänden erinnern an das Leben Anfang der 1990er Jahre. Foto: Sergej Lepke

Bastian Heckmann und Ingo Pähler von der Stadt besitzen einen der wenigen Schlüssel, mit denen sich die Klappe des grauen Kastens öffnen lässt. Es ist ein schmaler Spalt, der sich hinter der Klappe auftut, wer hineinschaut, blickt in die Dunkelheit.

Unmittelbar nach ihrer Eröffnung im Jahr 1962 glänzte die Passage noch. Foto: Sammlung Tamms, Stadtarchiv Düss

Heckmann jedoch steigt wie selbstverständlich mit einem Bein in den Schacht, zieht sein zweites nach und ist auf einmal in der Dunkelheit verschwunden, Pähler tut es ihm gleich. Über eine wackelige Leiter sind sie hinuntergestiegen, aus der Tiefe klingen ihre Stimmen noch leise aus dem Spalt des grauen Kastens herauf.

1961 war der Worringer Platz ein Baufeld. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Die beiden stehen auf einer Treppenstufe, tief unter der Erde. Hier endet die Leiter, auf der sie hinabgestiegen sind. Einst konnten Passanten bequem über eine geräumige Treppe hinuntergelangen — in die Fußgängerpassage unter dem Worringer Platz. Nun endet die Treppe abrupt unter der Decke, eine massive Betonplatte versperrt den Eingang, außer den Mitarbeitern der Stadt kommt hier heute niemand mehr rein.

1994 wurde die Passage endgültig verschlossen — zuerst nur notdürftig durch Bretterverschläge an allen fünf Eingängen, 2002 folgten dann die Betonversiegelungen. Oberirdisch ist davon heute nichts mehr zu sehen, die Deckel sind unter dem Pflaster des Platzes verschwunden, unsichtbar geworden.

„Hier hatten sich Szenen entwickelt, die der Stadt ein Dorn im Auge waren“, sagt Pähler. Drogen wurden hier verkauft, Prostitution fand statt, Kriminalität nahm Oberhand. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Passage mit ihren fünf Ein- und Ausgängen ein unübersichtlicher Ort ist. „Wer an einem Ende in den Tunnel hineinkommt, sieht nicht, wer oder was am anderen Ende auf ihn wartet“, erklärt Ingo Pähler, der sich noch an die Zeiten erinnern kann, in der das Bauwerk genutzt wurde. Heute, genau 20 Jahre nach der Schließung, hat sich dort nicht viel verändert — die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein.

Ein verrotteter Handschuh liegt auf dem Boden, ein Besenstiel in einer Ecke. Es ist leer unter Tage, jegliches Leben scheint schon seit langem ausgeflogen zu sein. Doch trotzdem wirkt der geräumige und abgerundete Raum nicht tot. Bunt ist es hier, an den Wänden ist kaum eine freie Stelle zu erkennen, die nicht mit Graffiti besprüht ist. Von 1993 stammen die meisten, die verschnörkelten Signaturen unter den Bildern verraten es.

Wer die dicke Schicht aus Farbe mit dem Fingernagel abkratzt, kann sehen, wie die Wände einst aussahen, als sie noch jungfräulich und sauber waren, so wie wenige Tage nach der Eröffnung. Kleine, nur wenige Zentimeter große Mosaik-Kacheln zierten damals die Wände, im Mittelteil der Passage waren sie türkisblau, orangene Muster durchzogen sie wie ein Korallenriff.

An einer der beiden Säulen in der Mitte der Fußgängerpassage klebt ein altes Plakat — es scheint, als stamme auch dieses Artefakt aus einer anderen Zeit, die unter unseren Füßen versunken ist. „Drink or Die — jeden Freitag im Stahlwerk“ steht auf ihm geschrieben, angekündigt wird eine Veranstaltung am ersten Juli 1995. „Wir haben die Passage größtenteils so gelassen, wie wir sie vorgefunden haben“, sagt Bastian Heckmann.

Nur eines wurde verändert — die Rolltreppen, die einst neben den Steintreppen eingebaut waren, gibt es nicht mehr. Sie wurden ausgebaut, die Hohlräume und Betriebsräume bestehen jedoch noch — sie wirken wie ein schwarzes Loch, das die Menschen am Eintreten hindern möchte. Viele der Neonröhren sind mit der Zeit ausgefallen, ausgetauscht wurden sie nicht. „Warum auch?“, sagt Ingo Pähler. Bis auf ihn und seine Kollegen, die zweimal im Jahr hinabsteigen und nach dem Rechten sehen, komme nie jemand in den Tunnel.

Und so schnell wird sich das wohl nicht ändern, eine Nutzung ist im derzeitigen Zustand der Passage nicht möglich. Natürlich habe es Anfragen und Überlegungen gegeben, Künstler wollten Projekte unter Tage durchführen, manche wollten eine Disco oder einen Veranstaltungsort aus dem alten Raum machen. „Das ist aber immer an den Kosten gescheitert“, sagt Pähler mit einer Spur Wehmut in der Stimme. Wer den Raum wieder für eine Nutzung tauglich machen wolle, müsse viel Geld investieren — „dann kann man da vielleicht noch etwas machen“.

Bis dahin jedoch wird die Passage weiter schlummern, versteckt vor den Augen der Düsseldorfer. Auch wenn es nicht den Anschein habe, sei sie in einem vergleichsweise guten Zustand, sagt Pähler, Sorgen um den Verfall müsse sich keiner machen. Notdürftig werde der Tunnel unterhalten, das Wasser abgepumpt. „Hier wird auch in Zukunft nicht viel passieren, alles bleibt, wie es ist — auch noch in 20 Jahren“, sagt Ingo Pähler voraus.

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