Oper ist Belcanto und Botschaft

Oper ist Belcanto und Botschaft

Zu allen Zeiten haben Komponisten in Wort und Musik die Gegenwart widergespiegelt. Das gilt auch für „Julietta“, die am Samstag Premiere feiert.

Belcanto — schöner Gesang. Wer immer eine Oper besucht, wird damit reich beschenkt. Das ist auch in Wuppertal so, wo sich das noch junge Ensemble in immer mehr Herzen singt. Aber Oper ist viel mehr als nur schöner Gesang. Besonders in Wuppertal und erst recht, seit Berthold Schneider vor knapp zwei Jahren die Intendanz übernommen hat. Er ist ein politischer Geist und ein engagierter Lenker der Opernbühne. Das hat er mit Stücken wie Surrogate Cities bewiesen, die mutig wie spannend mit und auf der Bühne experimentiert. Und das wird er am Samstag wieder beweisen, wenn „Julietta“ Premiere feiert.

„Wir sind die ersten im Westen, die das Stück aufführen“, sagt Schneider wie nebenbei. Und so meint er es auch. Es geht nämlich nicht um den Superlativ. Es geht um die Aussage des Werkes, es geht um die Botschaft von Bohuslav Martinú (1890-1959). Der Tscheche hat die lyrische Oper 1937 geschrieben. Ein Jahr später wurde sie in Prag uraufgeführt. Auf westliche Bühnen hat sie es nicht geschafft. Bis jetzt.

Für Berthold Schneider ist „Julietta“ eine vergessene Perle, ein Glanzstück, das es längst verdient hätte, auf den Bühnen der Welt gespielt zu werden. Es ist eine Oper in der Tradition der ganz großen und weltbekannten Komponisten. Sie ist musikalisch anmutig und in ihrer Aussage gesellschaftlich hochbrisant. Egal, wann und in welchem Land sie aufgeführt wird.

„Opern waren immer politisch“, sagt Schneider. Wie politisch sie war und ist, hat zuletzt die gerade zu Ende gegangene Ausstellung „Opera: Power, Passion and Politics“ , also Macht, Leidenschaft und Politik, im Victoria and Albert Museum in London gezeigt. „Komponisten greifen auf, was um sie herum geschieht“, erklärt der Opernintendant. Auf der Schauspielbühne ist das beispielsweise bei Shakespeares Königsdramen offensichtlich. Auf der Opernbühne überdecken bisweilen Gesang, Bühnenbild und Kostüme die Kernbotschaft eines Werkes. Für Schneider liegt in diesem Dreiklang einerseits der Reiz der Oper. Andererseits macht es Werke bisweilen erklärungsbedürftiger.

Unübersehbar ist aber, dass auch Opern Entwicklungen ihrer Zeit reflektieren. Meistens sind und bleiben sie aktuell. Zuletzt hat der junge russische Regisseur Timofej Kuljabin mit seiner Rigoletto-Inszenierung in Wuppertal bewiesen, wie sich Verdis Stück ohne Brüche in die Gegenwart transferieren lässt und seine ursprüngliche Kraft dabei nicht verliert. „Die Geschichte von ,Rigoletto’ ist in der Sprache heutiger Lebensumstände schwer zu erzählen, da sie voll von mittelalterlicher Archaik ist. Wo findet man heutzutage glaubhafte Situationen, in denen ein wirksamer Fluch, ein Menschenraub, gesetzlose Hinrichtungen und selbst ein Buckel eine ebenso starke Bedeutung haben konnten wie bei Verdi und Hugo? Aber wenn wir solche Situationen nicht finden, können wir kein überzeugendes Drama mit echten Menschen darstellen: Deswegen gehen wir — mein Team und ich — auf die Suche“, hat Kuljabin seine Inszenierung erklärt. Bei ihm war Rigoletto ein windiger Parteibonze, der seine Intriganz letztlich teuer bezahlte.

Für Berthold Schneider sind solche Transfers alter Stücke in die Gegenwart legitim, aber sie sind kein Zwang. „Opern sind auch musikalisch nicht aus dem Nichts entstanden. Komponisten wie Mozart und Mahler haben sich mit dem auseinandergesetzt, was um sie herum geschah“, sagt der Intendant. Auch das gebietet einen vorsichtigen Umgang mit den Stücken. Wer bei Schneider inszenieren will, muss sich dessen erinnern. Er fordert Mut, aber auch Respekt vor der Arbeit des Komponisten. Effekt um der Effekthascherei willen ist das Gegenteil davon.

„Es ist grundsätzlich falsch, die Oper im rein Dekorativen zu belassen. Ebenso falsch ist es aber, sie zwanghaft herauszureißen.“ Da gebe es keinen Königsweg. „Wichtig ist, mit einer Inszenierung etwas zu wollen. Schlimm ist, wenn man nichts will, wenn man die Kraft der Komposition und des Komponisten nicht herausholen will“, sagt Schneider.

Vor diesem Hintergrund hat Inga Levant „Juilietta“ von Bohuslav Martinú inszeniert. Wer sich dieses außergewöhnliche Werk nicht entgehen lässt, den erwartet wunderbare Musik in der Tradition tschechischer Komponisten, den erwartet Lebensfreude, die sich in Gesang und Kostümen ausdrückt, und den erwartet der ständige Kampf des Traumes mit der Realität und die Sehnsucht eines Menschen, dass der Traum gewinnen und Realität werden möge. Wer könnte das nicht verstehen?