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Glosse: Warum Wuppertal 2060 Deutscher Meister wird

Glosse: Warum Wuppertal 2060 Deutscher Meister wird

Das Ortseingangsschild-Änderungsgesetz offenbart die Kräfteverhältnisse im Rat.

Zahlreiche Städte in Deutschland tragen schmückende Beinamen. Wittenberg und Eisleben nennen sich zum Beispiel Lutherstadt, und Tübingen gönnt sich den Zusatz Universitätsstadt. Da der Landtag NRW aktuell über eine Änderung der Gemeindeordnung diskutiert, die auch hierzulande einen Zusatztext auf Ortseingangsschildern erlauben würde, legte die FDP-Ratsfraktion einen entsprechenden Antrag im Rat vor: Der Vorschlag lautet: „Schwebebahnstadt Wuppertal“.

Doch wer gedacht hätte, dass dieser durchaus naheliegende und nachvollziehbare Vorschlag eine muntere Debatte auslösen würde, der sah sich getäuscht. Die SPD hatte schon im Vorfeld der Ratssitzung die Gelegenheit genutzt, um sich in einer Presseerklärung über die oppositionellen Liberalen lustig zu machen und die Muskeln spielen zu lassen. Solche Muskelspiele fallen der SPD offensichtlich leichter als noch vor der Sommerpause. Da ließ die Spaltung der CDU die Kooperation CDU/SPD schwächeln. Und der FDP gelang es, bei der Abstimmung über die Reduzierung von Ratsmandaten und Bezirksvertretern die abtrünnigen CDU-Rebellen und die zersplitterte Opposition zumindest für einen Tag zu vereinen und so eine geheime Wahl zu erzwingen.

Inzwischen sind die Mehrheitsverhältnisse wieder eindeutig. Und wohl auch um dies zu demonstrieren, wurde der FDP-Antrag in der Ratssitzung öffentlich abgebügelt. Der SPD-Ratsfraktionsvorsitzende Klaus-Jürgen Reese bezeichnete es als Binsenweisheit und rückwärtsgewandt, Wuppertal als Schwebebahnstadt zu bezeichnen. Und er trat kräftig nach, als er darüber spottete, dass sich Athen wohl kaum als Akropolis-Stadt bezeichnen würde. Eine gelbe Karte wegen Nachtretens verdiente sich auch Rolf Köster, der einstige Liberale, als er seinen früheren Parteifreunden den Rat gab, Wuppertal zukunftsweisend als „Deutscher-Fußballmeister-2060-Stadt“ zu betiteln.

Oberbürgermeister Peter Jung spielte den Schiedsrichter und sorgte dafür, dass die Diskussion kein völlig sinnentleertes Ende fand. Seinem Vorschlag, das Thema zu vertagen, bis das Ortstafel-Änderungsgesetz vorliegt, fand im Rat breite Zustimmung. Die dem WSV — wem sonst — zugesprochene Rolle wurde nicht weiter diskutiert. Es dürfen aber Wetten abgeschlossen werden, ob 2060 die Schwebebahn oder der Fußballverein besser dasteht.