Die WSV-Geschichte begann mit einem feinen Schachzug

90 Wuppertaler Jahre : Die WSV-Geschichte begann mit einem feinen Schachzug

Heinz Gemmeker (96), früherer Spieler der TSG Vohwinkel, erinnert sich an die Diskussionen vor der Fusion im Jahr 1954.

Aktuell kämpft der Wuppertaler SV mal wieder um sein Überleben. Das war schon vor 65 Jahren so, als der WSV am 8. Juli 1954 aus der Taufe gehoben wurde. Mit der TSG Vohwinkel und dem SSV 04 Elberfeld gab es zwei Mannschaften, die in der zweithöchsten Spielklasse - der 2. Liga West – spielten, mit dem Stadion am Zoo schon seit 1924 eine große Arena.

Die Vohwinkeler hatten von 1947 bis 1950 sogar für drei Jahre der höchsten Spielklasse, der Oberliga West, angehört. In Freundschaftsspielen mit einer gemischten Mannschaft gegen Manchester City und dessen Torwartlegende Bernd Trautmann sowie den damaligen Deutschen Meister VfB Stuttgart hatte man schon die Probe aufs Exempel gemacht, welche Kraft in einer Vereinigung stecken könnte.

Ohne den diplomatischen Einsatz des damaligen Oberbürgermeisters Heinrich Schmeißing wäre es wohl nicht so weit gekommen. Während die Mitglieder des SSV Elberfeld mit großer Mehrheit hinter einem solchen Zusammenschluss standen, war bei den Vohwinkelern noch Überzeugungsarbeit zu leisten. In einer ersten Mitgliederversammlung im Mai 1954 war nicht die nötige Dreiviertel-Mehrheit zustande gekommen. „Ich war auch ein Gegner der Fusion“, sagt Heinz Gemmeker, der bis 1953 eine der herausragenden Spielerpersönlichkeiten der TSG war. Er fürchtete, dass man nur noch Spieler von außen holen und das Mannschaftsgefüge kaputtmachen würde. Wer weiß, ob es überhaupt so weit gekommen wäre, hätte der heute 96-Jährige Gemmeker im letzten Spiel der Saison 1952/53 den einzigen Treffer im entscheiden Spiel um den Oberliga-Aufstieg gegen den Rheydter SV erzielt. Doch sein 1:0 nach fünf Minuten, das von den meisten der 40 000 Zuschauer im Stadion am Zoo euphorisch bejubelt und von einem Sponsor mit 100 Tafeln Schokolade bedacht wurde, beantworteten die Gäste mit zwei Treffern kurz vor der Pause und kurz vor Ende und stiegen stattdessen auf.

Als im Jahr darauf beide Wuppertaler Vereine in der 2. Liga (der SSV war 1950 unter dem Schalker Idol Fritz Szepan als Trainer aufgestiegen) nur knapp dem Abstieg entronnen, sahen viele in der Stadt schon die Felle Richtung oberste Spielklasse schwimmen. Natürlich ging es auch ums Geld, wobei die Gehälter der neu eingeführten Vertragsspieler bescheiden waren. „Die einen haben 160 D-Mark bekommen, die etablierten Spieler 320 Mark“, berichtet Heinz Gemmeker, der sich zur zweiten Kategorie zählen durfte.

Die TSG hatte 1948 kurz nach der Währungsreform zu den reichsten Vereinen in Westdeutschland gezählt, weil das letzte von vier Relegationsspielen um den Klassenerhalt in der Oberliga (die vorherigen endeten Unentschieden) sechs Tage nach der Umstellung auf die D-Mark stattfand. Und die 16 000 Zuschauer im Solinger Waldstadion mussten mit dem neuen Geld bezahlen.

Lange reichte dieser „Reichtum“ freilich nicht, dennoch war die TSG für den SSV eine gute Partie. Auf einer gemeinsamen Mitgliederversammlung am 8. Juli in der heute denkmalgeschützten Stadionturnhalle wurde der Anschluss des SSV an die TSG beschlossen. 672 Mitglieder beider Vereine waren erschienen. Mit dem Schachzug, dass alle SSV-Mitglieder zunächst auf die TSG übergingen, beruhigte man nicht nur die Seele der Vohwinkeler, sondern sorgte dafür, dass man die Zweitliga-Lizenz für die kommende Saison nutzen durfte. Ein Neuantrag hätte bis 18. Mai beim Verband sein müssen - zu dem Zeitpunkt wurde in Wuppertal noch heftig diskutiert.

Im zweiten Schritt wurde dann über den neuen Namen des mit 3000 Mitgliedern damals größten Vereins in Westdeutschland abgestimmt. Wuppertaler SV setzte sich gegen Alternativen wie Bergische Sportgemeinde, Eintracht oder TSV Wuppertal deutlich durch. „We-Es-Vau“, das lässt sich bis heute vortrefflich rufen, auch wenn es in den folgenden glorreichen Jahren bis hin zum Bundesliga-Aufstieg 1972 aus deutlich mehr Kehlen durchs Stadion am Zoo hallte als heutzutage.

12 000 waren es im letzten Spiel der ersten WSV-Saison 1954/55 gegen den VfL Benrath, als auf Anhieb der ersehnte Aufstieg in die Oberliga gefeiert werden durfte. 33 000 sahen im gleichen Sommer das erste Oberliga-Heimspiel gegen Schalke, nur etwas weniger die Partie gegen Borussia Dortmund, gegen den am vierten Spieltag der erste Oberliga-Sieg gelang.

Die Sensation schaffte der WSV an der Essener Hafenstraße mit einem 2:0 gegen den Deutschen Meister RWE mit Weltmeister Helmut Rahn. Beim WSV ging damals der Stern von Horst Szymaniak auf, der dank neuer Geldquellen („Stadt und Industrie haben einen größeren Überbrückungskredit zur Verfügung gestellt“, hatte es nach der Fusion in einem Zeitungsbericht geheißen) nach dem Aufstieg aus Erkenschwick geholt worden war. Szymaniak wurde beim WSV 1956 zum Nationalspieler, blieb bis zum Abstieg 1959. Mit dem zweiten WSV-Idol, Torjäger Günter Pröpper, wurde 1972 der Aufstieg in die 1963 gegründete Bundesliga gefeiert.

Die Tradition - der heutige WSV-Vorstandssprecher Alexander Eichner redet von „Heritage“ ist eine der Säulen, auf die der heutige Viertligist seine Zukunft aufbauen will.

Mehr von Westdeutsche Zeitung