1. NRW
  2. Rhein-Kreis Neuss
  3. Dormagen

Stehende Ovationen für Joachim Gauck

Stehende Ovationen für Joachim Gauck

Der DDR-Bürgerrechtler liest in der Christuskirche aus seinen Erinnerungen.

Dormagen. Den Veranstaltungsort hat Gastgeber Jorgos Flambouraris mit Bedacht gewählt: In die evangelischen Christuskirche hat er die Lesung von Joachim Gauck gelegt. Aber nicht als Prediger, sondern als Autor tritt der 70-jährige Pfarrer, DDR-Bürgerrechtler und spätere Anwärter auf das Bundespräsidentenamt am Montagabend vor seine Zuhörer. Joachim Gauck las aus seiner Biografie „Winter im Sommer, Frühling im Herbst“.

Etwa 300 Zuhörer sitzen dicht an dicht in der Christuskirche, wo Hausherr Pfarrer Frank Picht den Gast willkommen heißt. Er schlägt den Bogen von der friedlichen innerdeutschen Revolution zur gegenwärtigen Auflehnung gegen die Diktaturen in Nordafrika und mahnt: „Freiheit ist wichtiger als Besitzstandswahrung.“

Freiheit ist auch der Dreh- und Angelpunkt der Gauck-Biografie, vor allem die Frage, wie sich Menschen verändern, die über Jahrzehnt ohne Freiheit, in Unterdrückung, leben müssen. Beim Schreiben hat er die Antwort darauf gefunden.

„Viele Ostdeutsche sahen sich die Formen der Entfremdung und Entmündigung in ihrem Staat gar nicht an“, erläutert Gauck. Er liest dazu die Geschichte seines Vaters, der 1951 von den Russen „weggeholt“ und in den Gulag gesteckt wird.

Dort erlebt er, wie ein ebenfalls inhaftierter Ukrainer ob der Nachricht von Stalins Tod zu schluchzen beginnt. Die Trauer um den Unterdrücker — für Gauck ein sinnfälliges Bild dafür, wie weit sich Menschen in einer Diktatur verleugnen, um sie ertragen zu können: „Du kannst soweit von dir weg sein, dass du deine ureigensten Gefühle nicht mehr kennst.“

Die Passagen, die der 70-Jährige mal im lebhaften Plauderton, mal emotional vorträgt, sind klug gewählt und geben viel Intimes preis. Sie schlagen den Bogen von seiner Kindheit im Mecklenburgischen über seinen Weg in die Kirche bis hin zu dem Moment, der sein Lebenskonzept in Frage stellt.

In den 1980er Jahren kehren zwei Söhne und eine Tochter der DDR den Rücken — „das ganze Land wurde zum Abschiedsland“. Eine Passage, die Joachim Gauck bei jeder Lesung besonders bewegt. „Ich erlebe, dass Menschen aus meiner Familie aufbrechen, obwohl ich ein ganz anderes Konzept hatte“, sagt er. Sein Konzept, das heißt: hierbleiben. Trotz Repressalien — die vier Kinder durften kein Abitur machen, nicht studieren.

Gauck will die Reihen der Andersdenkenden in der DDR verstärken und die friedliche Revolution vorantreiben. Vor und nach der Wende war er eine der Symbolfiguren des gewaltfreien Umbruchs: Als Pastor an der Marienkirche in Rostock leitet Gauck 1989 die wöchentlichen Gottesdienste, aus denen sich im Herbst Massendemonstrationen und ein wachsender Widerstand gegen die Regierung formieren. Er wird im März 1990 Abgeordneter in der Volkskammer der DDR bis zu deren Auflösung, im selben Jahr der erste Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen.

Als Vorsitzender des Vereins „Gegen das Vergessen — für mehr Demokratie“ engagiert sich Joachim Gauck heute für Toleranz und gegen politischen Extremismus. Zum 70. Geburtstag hat er seine Biografie geschrieben, um ein Stück Geschichte vor dem Vergessen und auch vor der Verklärung zu bewahren. Denn eines hat er in 20 Jahren als freier Bundesbürger erkannt: „Die Freiheit hat im Alltag der freien Gesellschaften einen Teil ihres Glanzes verloren, aber sie wird mir immer leuchten.“

Zwei Stunden Zeitreise durch die deutsch-deutsche Geschichte — und am Ende gab es fünf Minuten stehende Ovationen für den Autor.