Plädoyer für Ausbildung statt Studium

Berufliche Bildung : Plädoyer: Ausbildungs- statt Studienplatz

Unternehmerverband und ein Wuppertaler Betrieb werben um Nachwuchs.

Ahmad hat es richtig gemacht. Das strahlt der 18-jährige Wuppertaler aus. Anders als einige seiner Mitschüler, die mit ihm zusammen die Fachoberschulreife erworben haben und nun studieren, hat er eine Ausbildung als Mechatroniker begonnen. Ja, er muss um 7 Uhr morgens anfangen, ist dafür aber auch schon vor 15 Uhr fertig mit seinem Arbeitstag. Von dem er begeistert erzählt. Ahmad arbeitet bei dem Wuppertaler Unternehmen Knipex. Ein auf die Herstellung von Zangen für professionelle Anwender spezialisierter Betrieb, der mit seinen 1200 Mitarbeitern täglich 50 000 Zangen herstellt.

„Die Universität ist ein sehr erfahrungsverdünnter Raum“

Für Ahmads obersten Chef, Knipex-Geschäftsführer Ralf Putsch, hat die betriebliche Ausbildung hohe Priorität. Leidenschaftlich wirbt er bei der jungen Generation dafür, welche Vorteile eine Ausbildung im Vergleich zu einem Studium biete. Dass es da von Anfang an eine tarifliche Vergütung gibt, erwähnt er nicht einmal, sondern hebt eher darauf ab, wie gut so eine Arbeitsstelle in jungen Jahren auch für die Persönlichkeitsentwicklung sei. „Da muss sich jeder vom ersten Tag in der Gemeinschaft zurechtfinden, sich arrangieren mit Kollegen, und man kann sich ganz praktisch bewähren.“ Das sei an der Hochschule, auch wenn er diese keineswegs verteufeln wolle, nicht so. Da gehe es darum, sich Wissen anzueignen, um es dann zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder abrufbar zu haben. Das sei etwas anderes als die tägliche praktische Erfahrung, ein Unternehmen mit all seinen sozialen Aspekten zu erleben. Verglichen damit sei eine Universität ein sehr „erfahrungsverdünnter Raum“.

Natürlich gibt es handfeste Interessen, die auch Putsch bei diesem Plädoyer hat: der über Branchen hinweg brisante Fachkräftemangel, dem er durch ein attraktives Ausbildungsumfeld gegensteuert. Die Zahlen sind durchaus dramatisch zu nennen. Dieses Wort benutzt auch Tanja Nackmayr, Geschäftsführerin für Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik beim Unternehmerverband NRW. Für die Unternehmen sei die steigende Anzahl unbesetzter Ausbildungsverträge ein großes Problem. Schon demografiebedingt stünden dem Markt weniger junge Leute zur Verfügung. Hinzu komme, dass die Zahl der Schulabschlüsse mit Hochschulreife und damit dann auch die Zahl der Studienanfänger immer weiter steige. Auch sie will niemandem von einem Studium abraten, sagt aber: „Die Wahrnehmung, dass eine Ausbildung altmodisch oder zweitrangig ist, muss zurechtgerückt werden.“ Eine Ausbildung sei vielmehr die Fachkräftequelle der Zukunft und die Quelle für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.

Nackmayr sieht durchaus Aktivitäten unter den NRW-weit rund 770000 Unternehmen, sich für den Nachwuchs attraktiv zu machen, sich vorzustellen. Da gibt es etwa die Elektrotrucks in der Metall- und Elektrobranche. Riesige Lkw, die mit Multimediatechnik die diversen Berufe vorstellen. Und interessierten Schülern zeigen, wie ihre mögliche Berufswelt aussehen kann. Knipex setzt intensiv auf einen ständigen Kontakt zu den Schulen. Personalleiter Kai Wiedemann: „Wir gehen mit unserer Roadshow in die Schulen, präsentieren unsere Ausbildungsberufe mit einer Virtual-Reality-Brille. Wir laden jährlich 25 bis 30 Klassen zur Betriebsbesichtigung ein, haben 65 Praktikanten pro Jahr.“

Darauf angesprochen, wie hoch denn die Abbrecherquote bei den Auszubildenden sei, antwortet er selbstbewusst: „Null.“ Was freilich auch an dem eigenen gründlichen Auswahlverfahren liege. Ahmad jedenfalls fühlt sich gut aufgehoben. Wenn in der Berufsschule eine Prüfung anstehe, könne er, wenn er unsicher sei, im eigenen Betrieb vorher Nachhilfe nehmen. Bei Knipex, so scheint es, könnten auch andere Unternehmen Nachhilfestunden nehmen – zum Thema Ausbildung.

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