Velvetfabrik: Wohnen in der „Traumfabrik“

Velvetfabrik: Wohnen in der „Traumfabrik“

Wie werden alte Industrie-Areale heute genutzt? Diese Frage führt die WZ heute zur ehemaligen Velvetfabrik nach Neersen.

Neersen. „Durchgang frei nur für Anlieger.“ Das kleine Schild am Eingang aus Richtung Hauptstraße soll Neugierige bremsen. Denn immer mal wieder laufen Fremde über das ehemalige Fabrikgelände — oder auch Einheimische, die den Durchgang als Abkürzung in Richtung Virmondstraße nutzen. Mitte der 90er Jahre stand fast an der gleichen Stelle ein anderes Schild: „Willkommen in der Traumfabrik“, hieß es damals.

Unter dem Namen „Traumfabrik“ vermarktete damals eine Immobilienfirma aus Düsseldorf das ehemalige Gelände der Rheinischen Velvetfabrik. 1866 war sie von dem aus Krefeld stammenden Fabrikanten Gustav Klemme (geboren 1836) gegründet worden.

In den Folgejahren hatte er rund um das Schloss zahlreiche Werksanlagen errichten lassen, so dass die Velvetfabrik zum größten Arbeitgeber Neersens wurde. „1890 beschäftigte sie bei einer Gesamteinwohnerzahl von 2500 in Neersen 450 Personen“, berichtet Stadtarchivar Udo Holzenthal. Anfangs habe Klemme vor allem buntbedruckte Taschentücher, sogenannte „Nikolaustücher“, produziert.

1890 ließ der Fabrikant, der als Wohnsitz Schloss Neersen gewählt hatte, die erste elektrische Lichtanlage der Rheinprovinz in seinem Betrieb anlegen. Noch heute entdeckt man auf dem Gelände einige alte Strom-Isolatoren aus weißer Keramik. Nach Klemmes Tod im Jahre 1914 übernahm sein Neffe den Betrieb. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte die Fabrik etwa 400 Arbeiter.

Im Jahr 1927 ging das Unternehmen jedoch in Konkurs. Der Eigentümer musste die Werksanlagen und das Schloss verkaufen. Die „Mechanischen Webereien Linden“ aus Hannover übernahmen die Aktienmehrheit und verkauften bis 1934 den ganzen Besitz. Der neue Eigentümer beabsichtigte zunächst, sämtliche Werkshallen abzureißen. Bevor es dazu kam, erwarb die in St.Tönis ansässige Seidenfärberei Kress die Webereigebäude und richtete dort ein Werk ein.

Auch in die anderen Produktionsstätten am Rothweg und an der Virmondstraße zogen verschiedene neue Firmen ein, so die Firma Küsters. Die ehemalige Hauptproduktionshalle wurde in der NS-Zeit in ein Lager des Reichsarbeitsdienstes umgebaut.

Nach dem Krieg wurden in den Webereigebäuden ausgebombte Betriebe aus Krefeld und Mönchengladbach untergebracht, so die Rheinische Hutfabrik und die aus Mönchengladbach verlagerte Kleiderfabrik Paul Vander. Viele der alten Firmengebäude wurden aber später abgebrochen. Erhalten blieb jedoch der unter Denkmalschutz stehende Komplex „Traumfabrik“.

Besonders der Blick über die Niersniederungen und die Nähe zum Schloss waren und sind für Käufer reizvoll. Doch auch vieles von der schönen alten Bausubstanz wurde erhalten oder behutsam ergänzt. Die alten Mauern aus Feldbrandsteinen zum Beispiel, die (heute blau lackierten) Gitter an den Rundbogen- und Jugendstil-Fenstern, die Flurbereiche mit Fliesen von 1900. „Dies alles gibt der Anlage den gewissen Pfiff“, hatte der Makler schon damals versprochen.

Daran hat sich 15 Jahre später nichts geändert. Und mehr noch: Die „Traumfabrik“ sieht mittlerweile etwas verwunschen aus. Dafür sorgen zum Beispiel ein stiller Innenhof mit vielen grünen Pflanzen oder ein Treppenaufgang, neben dem üppig die Hortensien blühen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung