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Monheim/Köln: Die Hoffnung hat ein Gesicht

Monheim/Köln: Die Hoffnung hat ein Gesicht

Menschen: Der Monheimer Robert Eiteneuer hat seinen Arbeitsplatz hinter Gittern. Er ist seit drei Jahren Gefängnisseelsorger in Köln.

Monheim/Köln. Hinter hohen Mauern, vergitterten Fenstern und Stacheldraht liegt sein Arbeitsplatz. Jeden Morgen schließt der Monheimer Robert Eiteneuer (52) vier schwere Eisentüren hinter sich und betritt die trostlosen Gänge und kahlen Trakte der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf.

Das Gebäude ist flach, die Decken niedrig. Ständig sind triste Schließgeräusche zu hören. Inmitten des Komplexes liegt sein Büro - ein freundlich eingerichteter Raum mit Blumen auf der Fensterbank und Bildern an den Wänden. Dort kommen die Gefangenen gern hin. Denn Eiteneuer ist Gefängnisseelsorger und kümmert sich um die Sorgen und Nöte von den Menschen, die wegen Mordes, Betrugs oder Schwarzfahrens hinter Gittern sitzen.

"Die Gefangenen sind zu Seelsorgern immer sehr nett", erzählt der verheiratete Vater von sechs Kindern. Seit fast drei Jahren betreut er in Gesprächen oder Gruppen und hilft im Kontakt mit Angehörigen. Zu den Gottesdiensten an den Wochenenden kommen bis zu 80 Prozent der Inhaftierten. "Die Arbeitsatmosphäre ist zwar bedrückend. Und manchmal ist es unheimlich, mit düsteren Gestalten in einem Raum zu sein", sagt er. "Aber wenn ich Angst hätte, bräuchte ich den Job nicht zu machen."

Der ehemalige Pastoralreferent der Pfarrgemeinde St.Dionysius und St.Gereon tauschte 2005 einen bunten Alltag mit Kindern und Jugendlichen gegen den grauen Alltag im "Klingelpütz", wie die JVA gern genannt wird. "Ich hatte schon immer Interesse an Menschen, die nicht so gerade sind oder anecken", lächelt Eiteneuer. "Und ich wollte eine neue Herausforderung."

Die Anfrage der JVA kam da wie gerufen. Schon Jahre zuvor hatte er sich für den Job beworben und die automatische Versetzung nach 14 Jahren im Gemeindedienst stand ohnehin vor der Tür. "Von einem auf den anderen Tag musste die Entscheidung fallen", erzählt der gebürtige Kölner und entsinnt sich: "Es war eine große Umstellung. Aber es macht mir nichts aus, auch mit Menschen umgehen zu müssen, denen Kindesmissbrauch vorgeworfen wird. Man muss unvoreingenommen rangehen."

Er sagt das mit ruhiger Stimme und geradem Blick - das, was die Häftlinge wahrscheinlich respektvoll vertrauen lässt. "Es kann durchaus vorkommen, dass mir unentdeckte Straftaten gestanden werden. Ohne die Zustimmung desjenigen darf ich wegen meiner Schweigepflicht trotzdem nichts nach außen tragen."

Bei der Frage nach Gewissenskonflikten schüttelt er entschieden den Kopf: "Natürlich versuche ich, Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber im Gespräch kann man ja an Schwachpunkten ansetzen, zur Einsicht bewegen und Perspektiven entwickeln." Die nötige emotionale Distanz ist da tagtägliches Handwerkszeug. "Als vor kurzem aber ein Gefangener Suizidgedanken äußerte, bin ich schon nachts aufgewacht und habe mich gefragt, ob er wohl noch lebt."

Es ist eine explosive Mischung in den Seelen der Häftlinge, denen sich Eiteneuer widmet: In 23Stunden in der Zelle kommen sie zum Nachdenken. Andererseits füllt oft Aggression die Langeweile, die den Tag regiert. Viele seien auf Drogenentzug und hätten nie gelernt, Konflikte anders zu lösen als mit Gewalt. "Ein Fall wie in Siegburg kann jeden Tag auch in Köln passieren", ist Eiteneuer überzeugt. Vor zwei Jahren quälten in der dortigen JVA zwei Strafgefangene einen dritten über Stunden und zwangen ihn anschließend zum Selbstmord.

Doch Erfolgserlebnisse wie die, in Gesprächen Hoffnung zu geben, Zukunftspläne mit zu schmieden oder bei der Entlassung herzhaften Dank zu bekommen, machten die Arbeit schön. Und da lächelt er wieder: "Der Job ist schwieriger als früher, aber nicht belastender."

Doch was macht eine Arbeit im Knast mit dem Theologen selbst, der sich 14 Jahre ums Wohl einer kleinen Pfarrgemeinde kümmerte? Es sind nicht nur die Gefangenen, die ihn verändert haben: "Ich habe meinen Glauben an Gerechtigkeit verloren", fasst Eiteneuer seine Erfahrungen mit Justitia zusammen. Das Lächeln verschwindet von seinen Lippen. "Vor Gericht geht es kaum um Wahrheit, sondern darum, mit wenig Aufwand Schuldige zu finden."

So verwundert es nicht, dass er bei allem Engagement doch auch oft froh ist, den feierabendlichen Heimweg anzutreten. Dann schließen sich die vier schweren Eisentore erneut hinter ihm und entlassen ihn in die Freiheit ohne Mauern, Gitter und Stacheldraht. "Trotzdem: Ich fahre jeden Tag aufs Neue gerne hin."