Männergespräch: Auf der Suche nach der Moral

Männergespräch: Auf der Suche nach der Moral

Der Aachener Domvikar Elmar Nass über die neue Sehnsucht nach christlichen Werten.

Krefeld. Das war ein Heim- und Rekordspiel für den Aachener Domvikar Elmar Nass (42), geboren in Kempen und aufgewachsen in Krefeld, als er beim "Männergespräch" St. Hubertus über die derzeitige Krise und die christliche Sozialethik sprach. Für die Organisatoren Horst Kuklinski und Aloys Hoersch war die bisher höchste Resonanz von weit über hundert Teilnehmern in der Maria-Montessori-Grundschule am Minkweg ein Ansporn, die Reihe auch 15 Jahren weiterzuführen. Sonst sind sie mit 50 bis 70 Teilnehmern schon hoch zufrieden.

Von Geld versteht der Theologe Nass etwas, hat er doch vor seinem Studium eine Bankausbildung bei der Sparkasse Mönchengladbach absolviert. So hat er einen zweifachen Blick auf die derzeitige Krise, deren Ursachen er untersuchte. Nass sieht sie weniger in wirtschaftlichem, als in menschlich-moralischem Verhalten. "Es sind einzelne Menschen, die in Wirtschaft, Politik und Handel in der Verantwortung stehen." Sie würden aber meist nicht zur Verantwortung gezogen. Nass erinnerte daran, was der Gesellschaft der sozialen Marktwirtschaft verloren gegangen ist, vor allem das gültige gesellschaftliche Ordnungsprinzip, das bei den Handelnden in der Demokratie Konsens sein müsse.

Interessant findet er, dass - bis auf die Linke - alle Parteien in etwa das Gleiche sagten, aber jeweils etwas Anderes meinten. Dabei habe die Ökonomie längst die ethischen Grenzen überschritten und den Menschen den "Psycho-Gott Nutzen" zur Anbetung geboten. Wer nur noch nach dem Nutzen frage, gerate in eine überdehnte Liberalität. Der langfristige Blick sei abhanden gekommen. Das Hochjubeln kurzfristiger Unternehmenszahlen verhindere eine Zukunftsausrichtung einesUnternehmens. Elmar Nass sieht die Würde des Menschen in der augenblicklichen Grundhaltung der Gesellschaft an vielen Stellen beschädigt. Er erkennt in vielen Gruppierungen vereinsamte Menschen, die er "entheimatet" nennt.

Auf mittlere Sicht sieht er den gesellschaftlichen Frieden in der Bundesrepublik Deutschland in konkreter Gefahr. Die Zwei- und Mehrgeteiltheit der Gesellschaft sei unübersehbar. Auch in der säkularen Gesellschaft könne der Glaube an Gott und eine auf die heutige Zeit umgeschriebene christliche Sozialethik den Weg wiederfinden. In vielen Bereichen, auch im Osten, wo große Teile der Bevölkerung völlig ungläubig aufgewachsen sei, könne man derzeit eine neue Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit, Klarheit und christlichen Werten beobachten.

Ein gesellschaftlicher Sinnungswandel müsse vor allem bei den Feldern Bildung und Ausbildung ansetzen. Auch das Übernehmen von Verantwortung und Vorbild-Sein gehöre dazu. Die junge Generation erwarte die Ausbildung einer "Wir-Identität".

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