Krefelder Ingenieure werden zu Balkon-Imkern

Natur : Im Katasteramt wird jetzt Honig produziert

Das Volk umfasst rund 5000 Tiere. Ein Hobby-Imker kümmert sich um das Nest.

Die Friedrichstraße in der Innenstadt erinnert an den preußischen Monarchen Friedrich, den Großen. Doch seine Herrschaft ist vorbei, nun lebt dort eine andere Regentin. Eine Königin, um genauer zu sein. Sie mag es bescheiden und funktional, eine praktische Holzkonstruktion ohne großes Chichi. Auch auf einen Titel und einen Namen verzichtet sie. Ihr Reich ist klein und erstreckt sich strenggenommen auf die wenigen Quadratmeter eines Balkons. Immerhin Südseite.

Dafür ist sie die uneingeschränkte Herrscherin des Luftraums über der Innenstadt und ihr gehorchen rund 5000 Untertanen, die sie jeden Tag ein bisschen reicher machen – mit goldenem Honig. Die eigentliche Hausherrin der Nummer 25 heißt Deike Herrmann. Sie leitet den Fachbereich Vermessungs- und Katasterwesen der Stadt Krefeld. Vor ein paar Jahren zog der Fachbereich in das ehemalige Volksbankgebäude.

Nachdem dort vor kurzem ein kleiner Garten im Innenhof eingerichtet worden ist, keimte unter ihren Kollegen die Idee auf, dass für die Pflanzen Bienen zum Bestäuben notwendig wären, gerade auch angesichts der aktuellen Diskussion über die sinkende Anzahl von Insekten.

Ingenieur ist der Herr
der Fluginsekten

Mit Rainer Geicke gibt es einen Spezialisten unter ihnen: Vor fünf Jahren beschaffte sich der Vermessungsingenieur sein erstes Bienenvolk für den eigenen Garten in Straelen. „Ich habe mich immer schon für Bienen, Honig und die verschiedenen Geschmacksrichtungen interessiert“, sagt der 57-Jährige. „Ich besuchte verschiedene Kurse, in denen man vermittelte, wie man Bienen behandelt und pflegt“, so Geicke. Stetig habe er sich weitergebildet, unter anderem über Bienenkrankheiten und Hygienevorschriften bei der Honigverwertung. Da sie von seinem Hobby wussten, fragten seine Kollegen ihn, ob er nicht einen Stock aufstellen könne.

Natürlich, allerdings gibt es ein kleines Aber: Ein Bienenvolk von A nach B zu transportieren, ist gar nicht so einfach. Dafür benötigt ein Imker ein Gesundheitszeugnis für die Tiere. „Das ist notwendig, wenn man eine Kreisgrenze überschreitet“, sagt Geicke. So soll verhindert werden, dass Seuchen wie die amerikanische Faulbrut verbreitet werden. Sachverständige von Veterinärämtern nehmen deshalb sogenannte Futterkranzproben aus Bienenstöcken bei den Imkern, um eine Erkrankung auszuschließen.

Geickes Tiere sind kerngesund. Und seit Mitte Juni steht der Stock auf einem Balkon im Fachbereich, geschützt von einem Vlies vor zu starker Sonneneinstrahlung. „Seitdem die Bienen hier sind, sind wir alle sehr neu- und wissbegierig“, sagt Herrmann. Trotz der Nähe zu den Büros müssen die Mitarbeiter keinen unliebsamen Bienenbesuch fürchten, da die Tiere im Gegensatz zu Wespen Räume meiden. In seinem Büro in der zweiten Etage bewahrt Geicke eine Kiste mit allen notwendigen Utensilien für die Bienenbetreuung auf, unter anderem den Smoker, jenes kaffeekannenähnliche Gerät, mit dem Imker Rauch erzeugen.

Die Königin ist mit einem bunten Punkt markiert

„Für die Bienen bedeutet Rauch, es besteht eine Gefahr“, erklärt der Vermessungsingenieur. Im wahrsten Sinne des Wortes denken die Tiere, ihr Stock brennt. Sofort beginnen sie, ihre Mägen mit Honig zu füllen. Mit so einem Notvorrat ausgestattet, könnten sie dann an anderer Stelle beginnen, ein neues Heim aufzubauen. Auf diese Weise sind die Bienen beschäftigt und reagieren kaum auf den Imker.

Zu dem Bienenstock auf einem Balkon zum Innenhof muss er nur wenige Meter gehen. In dem Gewimmel muss der Straelener nicht lange nach der Königin suchen. Sie ist nicht nur deutlich größer als die Arbeitsbienen, sondern sie wurde mit einem farbigen Punkt markiert. Damit lässt sie sich schneller ausfindig machen, anhand der jährlich wechselnden und für alle Imker festgesetzten Farben können Fachkundige so auch ihr Alter bestimmen.

Bei der Ankunft in Krefeld fehlte dem Bienenvolk noch sein Staatsoberhaupt. Der Ableger von Geickes Bienenvolk bestand nur aus Arbeiterbienen. Weil sie den Duftstoff einer Königin nicht wahrnehmen konnten, begannen diese mit der Aufzucht von Larven, die sie mit einem besonderen Futtersaft ernährten. Die dafür geeigneten frischen Eier dürfen nicht älter als ein bis drei Tage alt sein. Die erstgeschlüpfte Königin sticht dann alle anderen Königinnen-Larven in dem Stock tot. Diese Königin startet dann zu einem Flug, um sich mit fünf bis 30 Drohnen, männlichen Bienen, an einem instinktiv zu findenden Ort zu paaren. Danach sterben die Männchen. Diejenigen, die im Stock ohne Paarung zurückbleiben und selbst keinen Honig sammeln, erwartet auch kein erfreuliches Ende. Sobald sich die Nahrungsmenge verringert, schmeißen die Arbeitsbienen ihre übrigen Männer aus dem Stock. Die Standesunterschiede spiegeln sich übrigens auch in der Lebensdauer wider: Die Königin hat eine Lebenserwartung von vier bis fünf Jahren. Die Arbeitsbienen leben im Sommer nur sechs Wochen, im Winter drei bis vier Monate.

Während der Hochsommer uns Menschen momentan mit angenehmen Temperaturen verwöhnt, stehen die Zeichen im Bienenstock schon auf Winterbetrieb. Die meisten Blüten sind inzwischen verblüht und somit reduziert sich auch das Nahrungsangebot der Bienen und die Anzahl der Tiere im Stock verringert sich. Ein Wirtschaftsvolk, bestehend aus zwei Stöcken, verfügt über 40 000 bis 60 000 Tieren in der Saison, im Winter schrumpft es auf 8000 bis 12 000 Individuen. Geicke schätzt, dass zurzeit in dem einen Stock etwa 4000 bis 5000 Bienen leben.

Im Stock gibt es drei Arten von Waben, die der Imker anhand ihrer gefärbten Decken differenzieren kann: Unter den weißen befindet sich Honig, unter den bunten Pollen, die Eiweißnahrung der Bienen, unter den braunen die Larven. Je nach Funktionen unterscheiden sich die Brutzeiten: Arbeiterbienen wachsen 21 Tage, Drohnen 24 Tage, Königinnen nur 14 bis 15 Tage. Die Brutzeit reicht bis Ende November, und bei milden Temperaturen beginnt sie schon wieder im Januar.

Die letzte Entscheidung trifft jedoch die Königin. Sie legt nur Eier, wenn das Nahrungsangebot ausreichend ist. Überwintern werden die Tiere übrigens auch auf dem Balkon des Katasteramtes. Sie rotten sich im Stock zu einer Kugel zusammen, und durch die Bewegung ihrer Flugmuskulatur erzeugen sie eine Temperatur von 18 Grad. Ab zwölf Grad Außentemperatur fliegen sie im kommenden Jahr wieder aus dem Stock.

Auch in der Stadt sei genug Nahrung zu finden, sagt der Imker. Blühende Bäume wie Linden, Balkonblumen und Pflanzen in zahlreichen Innenhöfen bieten reichliches Angebot. Im Gegensatz zum Land seien Pflanzen hier nicht mit Pestiziden oder anderen Spritzgiften belastet. Red

Mehr von Westdeutsche Zeitung