Flachsmarkt: Das mittelalterliche Treiben lockt 70 000 Besucher

Flachsmarkt: Das mittelalterliche Treiben lockt 70 000 Besucher

Menschenmassen strömen zu dem Fest. Vor allem für Kinder ist der historische Markt ein echtes Abenteuer.

Krefeld. Ungeduldige Kinderfragen am Kassenhäuschen: "Wo sind denn jetzt die Ritter?" Der Andrang beim 35. Flachsmarkt auf Burg Linn ist riesig. Um die Mittagszeit sind die Schlangen an den Eingängen am Pfingstsonntag und gestern fast 200 Meter lang. Das Super-Wetter macht den Flachsmarkt zu dem Pfingst-Ausflugsziel der Saison.

In diesem Jahr finden etwa 70000 Besucher den Weg zur Burg Linn. Organisator Hans Werner Kevenhörster ist zufrieden: "Es hat sich auch gelohnt, die Öffnungszeiten bis 20 Uhr zu verlängern. So konnten die Besucher den Markt viel entspannter genießen."

Auf dem Burggelände angekommen gibt es vor allem für die Kinder kein Halten mehr. Mama und Papa werden schnurstracks zur Ritterwiese gezogen, wo gerade zwei edle Herren in voller Rüstung mit Schwertern aufeinander losgehen. Manchem jungen Zuschauer fällt da erstmal die Kinnlade runter. Nach den starken Männern ist der Nachwuchs selbst gefordert. Adrian und Niklas bekommen zwar nur ein Stoffpferd umgebunden, aber sonst kämpfen sie nach allen Regeln der ritterlich-höfischen Kunst.

Es gilt, mit dem Schwert Klötze vom Kampfgerüst zu schlagen, Ringe zu durchstechen und mit der Lanze den Rolandsschild zu treffen. Adrian gelingt das etwas besser als Niklas, aber am Ende sind alle Sieger und werden von den Eltern und Geschwistern bejubelt. Es gibt reichlich Handgeklapper - Flachsmarkt-Deutsch für Applaus.

Im Schatten des Burgturms steht Samuel gerade vor dem größten Tag seines mittelalterlichen Flachsmarkt-Lebens. Er schwört, kühn, höflich, großzügig, treu und unerbittlich zu sein.

Das 13 Kilogramm schwere Kettenhemd, der riesige Helm und das schwere Schwert machen es ihm leicht, sich zu knien. Edelmann Albert de Are erhebt ihn mit drei Schwertschlägen in den Ritterstand. Beim Aufstehen braucht Samuel Hilfe, denn die Rüstung und die Ritterwürde lasten schwer auf den kleinen Schultern.

Wem das alles zu viel Waffengeklirr ist, der schaut sich bei den vielen Kunsthandwerksständen um. Vor allem Kalligraphien und Schmuck sind als Andenken gefragt. Bei den Steinbildhauern mobilisieren die Kleinen ihre letzten Kräfte, bevor bei den Falknern, beim Kasperletheater oder beim Instrumentenbauer entspannt wird.

Eher angespannt ist Sylvia Brumbach, die "Stärkste Frau der Welt". Auf dem Kleinen Lindenberg jongliert sie mit 20 Kilogramm schweren Eisenkugeln. Während die Männer vor Staunen die Münder kaum noch zubekommen, können sich viele Frauen ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. E

ndlich zeigt dem "starken Geschlecht" mal jemand, wo’s lang geht. "Am Sonntag hat ein Zuschauer mit seinem Fitness-Studio-Ausweis angegeben. Und als er die Eisenkugel schleudern sollte, ist er umgefallen. Da war was los", sagt Brumbach, die gerade ein Telefonbuch zerrissen hat.

Langsam neigt sich der letzte Tag des Flachsmarktes dem Ende zu. An den Ständen mit Ritterspielzeug sind die Schlangen aber noch lang. Ein bastelnder Vater kann seinen Sohnemann nur mit dem Versprechen loseisen, selbst Pfeil und Bogen, Schwert und Schild zu schnitzen.

Voll ausgerüstet machen sich die vielen kleinen Haudegen wieder auf den Weg ins 21.Jahrhundert. So abgekämpft und müde sind sie eher "Ritter von der traurigen Gestalt" - aber große Flachsmarkt-Fans.

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