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Kein Eis, kein Schnee: Beginnt der Frühling 2020 im Februar?

Tschüss Winter! : Kein Eis, kein Schnee: Beginnt der Frühling 2020 im Februar?

Ein Winter ohne Frost – und jetzt läuten Krokusse schon dessen Ende ein. Das Aprilwetter im Februar bringt aber nicht nur Frühlingsgefühle.

Dienstagmorgen auf der Autobahn A 46 zwischen Düsseldorf und Neuss. Rechtsrheinisch prasselt der Regen aus schweren, dunklen Wolkenklumpen, aber auf halbem Wege über die Fleher Brücke bricht mit einem Mal ein Sonnenstrahl durchs Grau und das Licht sich in den nassen Schlieren auf der Windschutzscheibe; kurz darauf blitzt sogar ein bisschen blauer Himmel hervor. Es könnte auch ein Morgen im April sein.

Und so fühlt sich das Wetter doch generell an. Der Wetterdienst bestätigt auf Anfrage: Zahl der Eistage im Dezember und Januar im Rheinland – null; Zahl der Schneetage – null. Zum Ende der Arbeitswoche lässt sich die Sonne wohl mal kurz blicken, am Wochenende gibt es dann vom Niederrhein bis ins Bergische zweistellige Temperaturen und Regen, Regen, Regen. Usselig – aber wahrlich nicht winterlich.

Krankenstand achtmal höher als bei der Grippewelle 2019

Wer die Vorboten des Frühlings sucht, findet sie aktuell überall. Nicht nur, wenn Mutti gerade anruft und erzählt, der Arzt habe endlich den Grund für ihren andauernden Schnupfen gefunden: Pollenallergie! Im Wald hinter dem kleinen Dormagener Dorf Straberg sind sie unübersehbar: Hier sind die Knospen an einem Busch schon aufgesprungen und haben frische grüne Blättchen sprießen lassen, dort hängt ein Baum voll gelber Blütenkätzchen und eine Böschung neben dem Weg ist über und über gesprenkelt mit Krokussen, deren lila Blüten kurz vor der Entfaltung stehen. Aber darf 2020 so etwas – den tiefsten Winter einfach überspringen und im Februar ins Frühjahr starten?

Im Hinblick auf die „phänologischen Jahreszeiten“ hat mit der Blüte von Hasel und Schneeglöckchen „der sogenannte Vorfrühling in diesem Jahr tatsächlich im Januar schon begonnen“, erklärt Thomas Kesseler-Lauterkorn, stellvertretender Leiter des Regionalen Klimabüros Essen beim Deutschen Wetterdienst. Kein Wunder: Der Dezember 2019 lag mit einer Durchschnittstemperatur von 4,9 Grad 1,3 Grad über dem langjährigen Mittelwert (1981 bis 2010). „Das war ein milder Dezember, aber bei Weitem nicht rekordverdächtig“, sagt der Experte: Der Spitzen-Dezember sei 2015 im Schnitt 8,4 Grad warm gewesen. Immerhin: Der vergangene Wintermonat landet bei den Jahren seit 1981 auf Platz neun.

Im Dormagener Wald beginnen die Krokusse schon zu blühen. Foto: Juliane Kinast

Und auch der Januar war mit einer Mitteltemperatur von 4,7 Grad weit entfernt vom Normalwert (1,9 Grad zwischen 1981 und 2010). Normal wären laut Kesseler-Lauterkorn auch für das Rheinland im Dezember und Januar zusammengenommen fünf bis sieben Eistage (Tage mit einer Höchsttemperatur von null Grad) oder Schneetage (mit mindestens einem Zentimeter Schneedecke) statt null gewesen.

„Der bisherige Winter ist also schon als sehr mild anzusehen, aber er steht damit nicht alleine“, so der Meteorologe. „In den letzten Jahren gab es in NRW eine Reihe ungewöhnlich milder Winter.“ Etwa den von 2013/2014 mit einer Mitteltemperatur von 5,0 Grad und jenen von 2015/2016 mit 5,1 Grad. In den vergangenen Jahrzehnten sei die Wintermitteltemperatur um ein Grad gestiegen, das sei „klimatologisch gesehen eine enorme Hausnummer“, sagt Kesseler-Lauterkorn.

Kein Wunder, dass die Frühlingsgefühle da schon kurz nach Überwindung der Völlegefühle von Weihnacht und Jahreswechsel einsetzen. „Wenn die Sonne ein bisschen grüßen lässt, wird der Parkplatz jetzt schon voll“, beobachtet Barbara Massmann vom Blumenparadies Bausch im Neusser Stadtteil Uedesheim. „Es blüht schon viel.“ Neben den üblichen Verdächtigen wie Krokus und Narzisse etwa Zaubernuss und der Echte Jasmin – ebenfalls früher als sonst. Aber Vorsicht, warnt sie: „Bis Mai könnte es immer noch Frost geben.“

Blütenkätzchen an den Bäumen – für Allergiker ist das keine gute Nachricht Foto: Juliane Kinast

Darauf hofft Uwe Spangenberg von der Landwirtschaftskammer NRW nicht. Zwar würden früher blühende Pflanzen ein paar Tage mit Minusgraden durchaus überstehen. „Sogenannte Kahlfröste hingegen würden den Pflanzen Probleme bereiten – das heißt, wenn es einen heftigen Wechsel der Temperaturen von Pluswerten auf tiefe Minuswerte innerhalb kürzester Zeit geben würde.“

Für die Gesundheit indes ist eher das aktuell recht warme Wechselwetter schwierig. „Ein milder Winter ist nie gut“, befindet Monika Baaken vom Hausärzteverband Nordrhein. Diejenigen, die sich in den Witterungsschwankungen eine Erkältung zugezogen haben, träfen in den Wartezimmern derzeit schon auf die Pollenalergiker – und noch hinzu kämen die Menschen, die bei viel zu warmer Heizungsluft nunmehr die Fenster zum Lüften aufrissen und sich im Zug einen steifen Hals holten. Mit Sorge, der Früh-Frühling könnte Jecken zu allzu leichter Kostümierung verleiten, blickt sie zudem auf die tollen Tage.

Der Krankenstand ist ohnehin hoch, bestätigt auf Anfrage die Krankenkasse Barmer für NRW: Zwischen dem 1. und 17. Januar kam dort eine Krankmeldung auf zwölf Versicherte. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum lag dieses Verhältnis bei 1:92 – und da habe eine heftige Influenzawelle grassiert, so eine Sprecherin.