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Interview: Düsseldorfer Tierretter erzählt von Einsatz in Australien

Düsseldorfer Tierretter in Australien : „Diese Geschehnisse werde ich nie vergessen“

Der Tierretter Stefan Bröckling war zwei Wochen in australischen Waldbrandgebieten im Einsatz. Dabei brannte eine Tierrettungs-Station ab, auf der er half.

Für seine Schützlinge wagt sich Stefan Bröckling vom Tiernotruf Düsseldorf seit Jahren ins Wasser, in die Luft oder in die Tiefe. Dieses Mal stand ihm seine bisher weiteste Reise in Sachen Tierschutz bevor. Mit weiteren Mitstreitern flog er nach Australien, um durch die Brände verletzten oder ausgehungerten Tieren zu helfen.

Sie haben in unserem letzten Gespräch vor Ihrer Abreise gesagt, dass Sie noch nie so viel Respekt, ja sogar Angst, vor einem Einsatz hatten wie vor dem in Australien. Hat sich diese Einschätzung für Sie bewahrheitet?

Stefan Bröckling: Zu Beginn der Reise auf jeden Fall. Wobei es mir nicht alleine so ging. Als wir das erste Mal in der Nähe eines größeren Feuers in der Gegend von Nerriga waren, wurde uns schon sehr mulmig. Der Himmel war komplett vom Rauch zugezogen und ein weiteres recht kleines Feuer brach wenige hundert Meter von unserem Standort aus. Schon am nächsten Tag hat sich unsere Angst aber deutlich gelegt. Wir merkten einfach, wie entspannt die Australier mit der Situation umgingen. Ein Feuer außer Kontrolle in fünf Kilometern Entfernung, aber die Leute sitzen im Pub und trinken ihr Bier. Die Menschen kennen das Feuer, weil sie schon immer damit leben. Ihr entspannter Umgang damit hat mir persönlich meine Angst recht schnell genommen. Allerdings nicht komplett, was auch dumm gewesen wäre, denn Angst schützt einen ja auch vor Dummheiten.

Eins der getöteten Kängurus auf dem Gelände des Two Thumbs Wildlife Trust von James Fitzgerald. Foto: Stefan Bröckling/Tiernotruf

Wie schnell konnten Sie vor Ort Ihren Plan, Tieren zu helfen, in die Tat umsetzen?

Bröckling: In den ersten Tagen war es recht schwer. Wir hatten zwar verschiedene Anlaufstellen, mit denen wir schon von Deutschland aus Kontakt aufgenommen hatten und die unsere Ankunft scheinbar erwarteten, jedoch stellte sich vor Ort vieles anders als geplant heraus.

Die Düsseldorfer Tierretter haben Waldgebiete nach bedürftigen Tieren abgesucht. Foto: Stefan Bröckling/Tiernotruf

Inwiefern?

Bröckling: Mal gab es mittlerweile Helfer und wir wurden aktuell nicht mehr benötigt, mal dachten sie, wir wären Tierärzte, obwohl wir zuvor mehrfach ausdrücklich darauf hingewiesen hatten, dass wir Tierretter sind und eben keine Veterinäre sind. Trotzdem haben wir die Zeit genutzt und kleine Auffangstationen besucht, diese mit unseren Spendengeldern unterstützt und auch Nahrungsmittel für die Tiere organisiert sowie Materialien für dringend erforderliche Tränkeeinrichtungen, die nun überall in den verbrannten Wäldern stehen.

Die Düsseldorfer Tierretter besuchten die Auffangstation für alle Tiere mit Schwerpunkt Känguru, Wombat und Koala der deutschen Auswanderin Kerstin Schweth. Sie war nicht direkt vom Feuer betroffen, es kam aber bis auf 10 km an ihr Grundstück heran. Und es mussten viele Tiere aufgenommen werden. Foto: Stefan Bröckling/Tiernotruf

Wie hat man Sie und Ihr Team aus Deutschland in Australien angenommen?

Bröckling: Immer wieder wurden wir von wildfremden Menschen angesprochen, die vor Freude darüber, dass Menschen um die halbe Welt reisen um zu helfen, teilweise wirklich in Tränen ausbrachen. Ich erinnere mich an eine Kassiererin in einem Baumarkt, wo wir Material für Tränken kauften, die uns weinend umarmte. Manchmal gaben uns Leute einfach die Hand, zeigten den erhobenen Daumen aus dem vorbeifahrenden Auto oder spendierten uns einen Kaffee. Zwei Motels haben uns Sonderpreise eingeräumt und Air Qatar hat uns für den ersten Teil unserer Rückreise von Sydney nach Doha, der immerhin 15 Stunden dauerte, Plätze ohne Sitznachbarn zugewiesen. Einfach so. Weil sie es klasse fanden, dass wir dort geholfen haben. Und in zwei Baummärkten durften wir das Material für die Tränken nicht einmal bezahlen. Es wurde uns einfach gespendet. Ganz unkompliziert. Das machte in dem einen Fall 800 australische Dollar aus, in dem anderen etwa 500.

Tierretter Stefan Bröckling beim Einkaufen von Äpfeln und Möhren für die Tiere. An den Kassen hat er manche Überraschung erlebt. Foto: Stefan Bröckling/Tiernotruf

Welcher Einsatz ist Ihnen besonders nahe gegangen?

Bröckling: Eigentlich war es der Einsatz in der Nähe von Cooma auf dem Gelände des Two Thumbs Wildlife Trust. Von dem 2000 Hektar großen Grundstück waren nur etwa 700 Hektar vom Feuer betroffen. James, der Grundstückseigentümer und Betreiber des Wildlife Trust, war eigentlich recht froh, dass er das Feuer vergleichsweise gut überstanden hatte und um die Brandgebiete herum noch immer genügend grüne Fläche vorhanden war. Daher fanden wir in dem Gebiet bei unserer Suche nach Tieren auch drei gesunde Koalas und kein hilfsbedürftiges Tier. Aber zwei Tage später stürzte in unmittelbarer Umgebung ein Löschflugzeug ab, drei amerikanische Feuerwehrleute verloren ihr Leben, und James’ kompletter Wildlife Trust verbrannte. Sein Haus, seine Station, viele seiner Tiere. Bei ihm wurden immer wieder auch aufgepäppelte Tiere von anderen Organisationen ausgewildert. Auch viele dieser Kängurus, Wombats, Possums und Koalas haben es wahrscheinlich nicht geschafft. Es waren Tiere, die teils schon einmal dem Tod getrotzt hatten, die nun verbrannten.

Konnten denn einige Tiere doch gerettet werden?

Bröckling: Als das Gelände wieder freigegeben wurde, konnten einige von uns es zusammen mit einem Darter betreten. Ein Darter narkotisiert Tiere mit dem Betäubungsgewehr. Er konnte tatsächlich noch vier Kängurus betäuben, die Brandverletzungen hatten und bei denen wir uns fragten, wie sie überhaupt hatten überleben können. Die Kängurus wurden nach Possumwood gebracht, einer Auffangstation, die wir ebenfalls besuchten und finanziell unterstützten. Aber wir fanden auch tote Tiere. Wie zum Beispiel Greta, eine Koaladame, die dort zur Genesung war und die wir noch wenige Tage zuvor dort fotografiert hatten. Das wenige, das das Feuer von ihr übrig gelassen hatte, lag völlig entstellt am Boden ihres Geheges. James war, als all das passierte, mit einem anderen Koala beim Tierarzt. Sonst wäre er jetzt vielleicht auch tot. Diese Geschehnisse werde ich nie wieder vergessen. Und auch jetzt, bei dem Gedanken daran, laufen bei mir die Tränen.

Einfache Tränken-Systeme wie diese haben die Tierretter in den abgebrannten Waldgebieten aufgebaut. Foto: Stefan Bröckling/Tiernotruf

Sie haben über Facebook über einige Pflegestellen berichtet und zu weiteren Spenden aufgerufen. Was ist insgesamt während Ihrer Reise an Spenden zusammengekommen?

Bröckling: Wir haben insgesamt etwa 110 000 Euro Spenden erhalten. 74 000 Euro haben wir bereits an Projekte vor Ort ausgezahlt.

Warum sind Sie nach zwei Wochen abgereist?

Bröckling: Es hatten sich vier Tierrettungsdienste für dieses Projekt zusammengeschlossen. Wir haben aber alle auch Verpflichtungen hier in Deutschland und die Reise war von Beginn an zunächst auch nur für zwei Wochen angesetzt. Vor Ort wollten wir entscheiden, ob wir verlängern. Die anderen drei Tierrettungsdienste haben Verträge mit diversen Städten und Gemeinden. Das habe ich nicht, weil ich gerne flexibel agiere und auch weite Strecken für Einsätze fahre, um dort zu helfen, wo andere schon gescheitert sind. Mit laufenden Verträgen wäre das nicht machbar. Trotzdem gibt es auch hier genug zu tun. Sicher hätte ich mich nicht gelangweilt, wäre ich nicht nach Australien gereist. Aber da es letztlich immer zu wenige Menschen gibt, die sich – egal für welche gute Sache – engagieren, ist es eigentlich egal, ob ich mich hier oder da für Tiere einsetze.

Auf dem Gelände des Two Thumbs Wildlife Trust wütete ein Feuer, das durch ein abgestürztes Löschflugzeug verursacht wurde. Gründer James Fitzgerald verlor sein Haus, seine Station, viele Tiere und somit sein Lebenswerk. Foto: Stefan Bröckling/Tiernotruf

Warum sind Sie dann so weit gereist?

Bröckling: Weil ich meinem Herzen gefolgt bin. Und als ich die Rückreise antrat, folgte ich wieder meinem Herzen.

Haben Sie das Gefühl, mit Ihrer Reise etwas bewirkt zu haben? Ist Ihr Plan, den Tieren zu helfen, in Ihren Augen aufgegangen?

Bröckling: Auf jeden Fall. Allein die finanziellen Mittel, die wir dort verteilt haben, sind ja nur deshalb zusammengekommen, weil wir dorthin gereist sind. Einige wenige Menschen sind der Meinung, wir hätten das gespendete Geld lieber direkt an die Projekte vor Ort überweisen sollen. Aber die Leute haben ja gespendet, weil deutsche Tierretter sich auf den Weg nach Australien aufmachen wollten. Die Menschen haben gespendet, damit wir dort runter fliegen. Das war von Beginn an der Plan und der Auftrag. Und wir sind uns sicher, dass wir niemals einen sechsstelligen Betrag in dieser kurzen Zeit zusammen bekommen hätten, wenn wir einfach nur zu einer Spende aufgerufen hätten. Und die kleinen Projekte, die nun einen Großteil dieser Spenden erhalten haben, nachdem wir sie vor Ort besucht haben, hätten unser Geld wohl sonst nie erhalten. So wissen wir auch, dass es Menschen bekommen, die über ihre eigenen Grenzen hinausgehen, um den Tieren zu helfen.

Und sind Sie zufrieden mit dem, was Sie vor Ort geleistet haben?

Bröckling: Wir haben tatkräftig mit angepackt. Wir haben insgesamt acht Koalas gefunden, haben ein angefahrenes Känguru von der Straße geholt, haben tote Kängurus nach lebenden Jungtieren im Beutel untersucht, haben Wassertränken gekauft, aufgebaut und im Wald platziert. Wir haben das Gelände von James nach der Feuerkatastrophe mit dem einheimischen Darter nach Tieren durchforstet und haben mit unserer Anwesenheit den Leuten in Australien gezeigt, dass es den Menschen in anderen Ländern nicht egal ist, was auf ihrem Kontinent passiert. Ich bin stolz, ein Teil dieser Gruppe gewesen zu sein und werde diese Reise immer in Erinnerung behalten.

Sind Sie jetzt wieder in Düsseldorf im Einsatz?

Bröckling: Am Montag musste ich erst einmal ausschlafen. Den Dienstag nutze ich, um alles für meine kommenden Einsätze vorzubereiten. Ab Mittwoch bin ich wieder regulär im Einsatz. Allerdings liegen schon wieder so viele Anfragen für Spezialeinsätze vor, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.