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Möhne erobern Rathaus — und die WZ

Möhne erobern Rathaus — und die WZ

Acht Frauen aus Niederkassel haben den Brauch für sich wiederentdeckt, am Karnevalsdonnerstag als alte Frauen zu gehen. Hier erklären zwei von ihnen, wie sie ihre Kostüme zusammenstellen und was noch wichtiger ist als Lippenstift.

Unsere Gruppe gibt es seit fünf Jahren. Damals hat jemand gesagt, dass es so schade sei, dass man kaum noch das alte Möhnenkostüm sehe, dass an Altweiber vor allem Marienkäfer und Cheerleader unterwegs sind. Stimmt, haben wir gedacht, in unserer Kindheit hat man mehr Möhne gesehen. Wir fanden die Idee lustig und haben gesagt: „An uns soll’s nicht liegen. Wir gucken mal, was wir auf die Reihe kriegen.“

Möhne erobern Rathaus — und die WZ
Foto: Sergej Lepke/Judith Michaelis

Das ging überraschend einfach. Wenn ich (Anke) eine Kostümidee habe, gehe ich damit immer zu meiner Mutter, weil sie nähen kann und unglaubliche Dinge schafft. Normalerweise stöhnt sie erstmal über die Idee. Als ich ihr aber von der Möhne erzählt habe, war sie total tiefenentspannt und hat gesagt: „Moment, Anke, da habe ich was.“ Im Kleiderschrank meiner Tante haben wir die ersten Teile des Kostüms gefunden.

Wir haben schnell gemerkt, dass man ein Möhnenkostüm nicht im Karnevalsladen und auch nicht im Internet bekommt. Meistens fing es in der Familie an, dass da jemand einen Schal oder eine Handtasche von der Oma hat, und dann entwickelt sich das Ganze. Und es kommt fast jedes Jahr etwas Neues dazu.

Das richtige Möhnenkostüm beginnt bei den Haaren. Da eine Möhne ja eine ältere Frau ist, hat sie natürlich graue Haare. Und einen Dutt. Wir setzen uns entsprechende Perücken auf. Als wir die das erste Mal anprobiert haben, mussten wir alle schmunzeln, weil wir einen vorsichtigen Eindruck erhielten, wie wir in 20 oder mehr Jahren mal aussehen könnten. Auf die Perücke kommt noch ein hübsches Hütchen, einige nehmen auch einen Schleier, da Möhne oft Witwen waren.

An dieser Stelle sollten wir kurz die Geschichte der Möhne anschauen. Der Brauch stammt aus einer Zeit, als die Frauen noch kein Wahlrecht hatten. Es waren oft verwitwete, gutbürgerliche Frauen. Wir vermuten, dass sie auch deshalb Zeit für den Rathaussturm hatten, weil ja kein Mittagessen für den Mann auf dem Tisch stehen musste. Und so konnten sie an Altweiber das Zepter schwingen. Man muss da ein großes Kompliment an die Stadt Düsseldorf machen, dass sie von je her so großzügig das Rathaus öffnet. Die machen uns ja nicht nur die Tür auf und springen zur Seite, sondern empfangen uns sehr charmant.

Zurück zum Kostüm: Eine Brille gehört noch dazu, schließlich sehen wir älteren Mädels ja nicht mehr so gut. Dann braucht es eine schicke Bluse und je nach Wetter ein Pelzmäntelchen, eventuell noch ein Tuch, einen Schal und einen Muff. Auf keinen Fall darf das Handtäschchen fehlen und darin muss eine Schere (fürs Krawattenabschneiden) sein. Das ist an Altweiber noch wichtiger als der Lippenstift. Jede von uns hat eine große Sicherheitsnadel an der Bluse, da hängen wir die angeschnittenen Krawatten dran, die wir stolz wie Orden tragen. Als Witwe zieht man noch einen dunklen Rock an — und da wir von der Niederkasseler Tonnengarde sind, tragen wir Klompen dazu. Die sind sehr bequem.

Wir treffen uns immer in unserem Stadtteil und starten mit einem Begrüßungsschlückchen Prosecco, das brauchen wir alte Damen für den Kreislauf. Dann geht es ins Rathaus, anschließend zu den Venetien auf den Carlsplatz und am Nachmittag gehen wir alle in die Dorfschänke. Da dürfen auch unsere Männer dann auch wieder dabei sein. Unsere Idee hat eine schöne Wirkung. Es sind einige Frauen auf uns zugekommen, die gesagt, dass sie den Brauch auch gerne wieder pflegen würden, im Rathaus kommt es auch immer gut an, dass da echte Möhne sind, die das Rathaus übernehmen. Schließlich entspricht das einem Urgedanken des Karneval, dass Obrigkeit und Volk die Plätze tauschen.

Wir sind auch sehr optimistisch, dass unsere neue alte Tradition fortgesetzt wird. Eine unsere Töchter ist im vergangenen Jahr auch mit uns gegangen: als Mini-Möhne - oder wie sie gesagt hat: „Als Oma.“