„Das Theater schützt vor Einsamkeit“

„Das Theater schützt vor Einsamkeit“

Seit mehr als 50 Jahren spielt Wolfgang Reinbacher am Düsseldorfer Schauspielhaus. Zurzeit steht er als Richter, als Gott und als ein altersweiser Mime auf der Bühne.

Herr Reinbacher, Sie spielen am 25., 26., 28. Dezember und an Silvester sogar zwei Vorstellungen. Und das mit 79 Jahren. Sind Sie verrückt?

Foto: Sandra Then

Wolfgang Reinbacher: Ja, das bin ich. Und wenn nur wenige zur Vorstellung kommen sollten, dann lade ich die Besucher zum Essen ein. Das hat etwas Sportives für mich, ich habe noch nie zwei Vorstellungen an Silvester gespielt.

Sie stehen zurzeit in drei Stücken auf der Bühne - als Richter, als Gott und als Schauspiel-Veteran. Fühlen Sie sich selbst altersweise?

Reinbacher: Etwas gütiger bin ich schon geworden. Oft werden alte Leute ja immer böser. Ich fühle mich im Innern jung. Das spüre ich auch, wenn ich mit den jungen Studenten in „Queen’s Men“ spiele, die ja gerade ihre Karriere starten und gemeinsam zur Prüfung nach Salzburg ans Mozarteum gefahren sind. Da dachte ich, das könnte ich auch machen. Es kommt einem so nah vor, die eigene Zeit am Reinhardt-Seminar. Dabei liegt das mehr als 50 Jahre zurück.

Wolfgang Reinbacher

Wenn Sie an die Zeit der mittleren Jahre zurückdenken. Was sind die Herausforderungen, mit denen Sie damals zu kämpfen hatten und welche sind es heute?

Reinbacher: Für mich gibt es gar keine Herausforderungen, die stelle ich mir selber. Wenn ich gefragt werde, überlege ich mir das. Wenn ich nicht gefragt werde, dann gehe ich im Wald spazieren. Es ist eben keine existenzielle Frage mehr. Aber eigentlich ging bei mir alles so mühelos. Ich kam mit Karl-Heinz Stroux direkt nach der Schauspielschule nach Düsseldorf und habe mich seither nie wieder beworben.

Ihre Frau Eva Boettcher und Sie waren über Jahrzehnte am Düsseldorfer Schauspielhaus. Das ist für Ihre Branche sehr unüblich.

Reinbacher: Die Eva war immer sehr beliebt. Und wenn neue Intendanten kamen, haben die uns gefragt, ob wir bleiben wollten. Ich selbst bin dann nach München an die Kammerspiele und ans Burgtheater nach Wien, weil ich dort Angebote hatte. Aber immer nur temporär. Die Trennung von meiner Frau war nie schön.

Was hat Ihnen an Ihrem Beruf nicht gefallen?

Reinbacher: Das Düsseldorfer Schauspielhaus hatte eine Krise nach dem Wechsel von Karl-Heinz Stroux zu Uli Brecht. Da blieben die Zuschauer weg. Es kam damals dieses Belehrungstheater. Es sollten keine Bürger mehr ins Theater, sondern die Arbeiter, die morgens um sechs Uhr ihre Schicht anfingen. Es wurde diskutiert und diskutiert. Da habe ich gedacht, so geht das nicht.

Sie wollten spielen?

Reinbacher: Ich wollte ausprobieren, ob man das auch vermitteln kann. Sonst ist das ja ein theaterwissenschaftliches Seminar. Man muss zeigen, ob man einen Schmerz hat. Das hat sich aber in den 1970er Jahren schnell erledigt. Ohne Zuschauer kann man eben kein Theater machen, auch nicht mit dem tollsten Bewusstsein.

Das war ja nicht die einzige Krise im Düsseldorfer Schauspielhaus. Verlässt einen da nicht mal die Zuversicht.

Reinbacher: Man hat immer wieder die Chance neu anzufangen. Auch in meinem Alter.

Was gibt es für Sie neben dem Theater?

Reinbacher: Ich habe einen sehr schönen Freundeskreis. Die dürfen mir nur nicht alle wegsterben. Das bedrückt mich. Aber das Theater schützt einen vor der Einsamkeit.

Kurz vor Weihnachten 2011 ist Ihre Frau verstorben, im Oktober haben Sie Ihre Freundin Gabriele Henkel verloren.

Reinbacher: Gabriele hat mich immer zu sich zum Essen eingeladen. Sie hatte eine österreichische Köchin. Da war dann der ganze Tisch mit Rosenblättern dekoriert. Was für ein Empfang. Aber das gehörte zu ihrer Ästhetik. Dass Gabriele gestorben ist, hat mich sehr traurig gemacht. Ich kannte sie ja 50 Jahre. Ja und meine Frau ist ganz plötzlich gestorben. Sie hatte einen Herzinfarkt. Das ist hart für die Hinterbliebenen.

Was wünschen Sie sich für 2018?

Reinbacher: Ich möchte fit bleiben und die Rollen so spielen, wie ich sie spielen möchte. Und nicht wie Jopi Heesters auf die Bühne getragen werden. Bei „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ hatte ich schon eine leichte Skepsis, als ich merkte, ich bekomme den Text nicht so rein. Ich habe hart gearbeitet. Das Geheimnis ist, dass man das so verinnerlicht, dass man nicht mehr daran denkt. Dann entsteht erst das Vergnügen des Theaters.

Nach Gott, welche Rolle kann es da als nächstes geben?

Reinbacher: Ich weiß jetzt schon, dass ich in einem Jahr in der „Fledermaus“ an der Rheinoper den Frosch spielen werde. Ich rechne zurzeit also nicht mit meinem Ableben, weil ich schon Termine für das Jahr 2019 habe.

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