Meinung: Zweigeteilte Erinnerung an Karl Marx

Meinung: Zweigeteilte Erinnerung an Karl Marx

Deutschland ist noch zweigeteilt — bei der Erinnerung an Karl Marx. Im Osten gibt es weiterhin 550 Straßen und Plätze, die nach dem Verfasser des kommunistischen Manifestes benannt sind. Im Westen ist Karl Marx hingegen kaum präsent.

An diesem Wochenende vor 200 Jahren wurde der wohl umstrittenste deutsche Philosoph in Trier geboren.

Wer sich die globalisierte Wirtschaft heute anschaut, wird kaum umhinkommen, seine Analyseschärfe und theoretische Durchdringung der kapitalistischen Ökonomie zu bewundern. Die weltumspannende Ausbeutung jedes Menschen und aller Natur durch dieses System — das hat Marx im „Kapital“ erklärt und vorausgesehen. Er hat die Mechanismen der Wertschöpfung, der Kapitalbildung und der Ausbeutung beschrieben und die Arbeiterklasse als solche definiert. Das war eine Voraussetzung dafür, dass sich diese Klasse organisierte — in zwei Strängen.

Als Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung, die die kapitalistischen Gesellschaften friedlich verändert haben. Und als kommunistische Bewegungen, die Marx’ Postulat der „Diktatur des Proletariats“ auslegten, wie sie wollten. Die Ergebnisse sind bekannt: Es sind die Massenmorde Stalins und die Killing Fields von Kambodscha. Es sind Mauer, Stacheldraht und Gulags. Es ist Nordkorea. Das war nicht Marx’ Wille.

Es ist durchaus richtig, dass Trier an diesem Wochenende eine Statue für Marx aufstellt und sie in einer Feier enthüllt. Falsch ist freilich, dass sich Trier die Statue von China hat schenken lassen. Denn dass sich ausgerechnet China auf Marx beruft, ist ein schlechter Witz. Das ist alles andere als eine klassenlose Gesellschaft, das ist eine besonders krasse Form des Turbokapitalismus.

Man muss hoffen, dass die Redner in Trier die passenden Worte dazu finden. Die sicherlich zahlreich anwesenden chinesischen Diplomaten und Touristen dürfen so etwas ruhig mal hören. Daheim werden solche Aussagen nämlich strikt zensiert.

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