Gastspiel an der Seine: Paris feiert Düsseldorfs Tanz

Gastspiel an der Seine: Paris feiert Düsseldorfs Tanz

Mit zwei höchst gegensätzlichen Stücken sind Martin Schläpfer und seine Compagnie derzeit in Frankreichs Hauptstadt zu Gast.

Paris. Ausverkauft. Beinahe alle Vorstellungen. Wenn im Pariser Théâtre de la Ville, einem der wichtigsten Orte für die Tanz-Avantgarde, 50 der 1000 Plätze frei bleiben, wird Programmleiterin Claire Verlet nervös. Bei der aktuellen Produktion muss sie sich diese Sorgen nicht machen. Martin Schläpfer, Chefchoreograph der Rheinoper Düsseldorf/Duisburg ist mit zwei Stücken bis 5. Dezember zu Gast in Paris und schon die Premiere am Mittwochabend ist ein Erfolg.

Er ist abzulesen am Applaus, aber auch an der Reaktion von Brigitte Lefèvre. Sie ist die Direktorin des Pariser Opernballetts und ihr Urteil ist in Paris maßgeblich. „Formidable“ flüstert sie ihrem Nachbarn zu und sieht ihren ersten Eindruck von Schläpfer bestätigt. Um seine Arbeit zu sehen, reiste sie bereits im vergangenen Jahr nach Düsseldorf. „Er hat ein immenses Wissen von Körpern und ist ein großer Freigeist. Seine Compagnie ist außergewöhnlich.“

44 seiner 48 Tänzer hat Schläpfer mitgebracht und damit das Theater, aber auch die Realisierung seiner Choreographien Forellenquintett und Neither auf eine Probe gestellt. Die Bühne des Théâtre ist nur halb so groß wie die in Düsseldorf, jeder Zentimeter wird gebraucht. Für die Tänzer bedeutet das, dass sie nicht wie gewohnt am Bühnenrand auf ihren Einsatz warten und das Geschehen im Blick haben. Sie stehen im Gang und orientieren sich ausschließlich an der Musik.

44 Tänzer schickt Schläpfer allein in Neither auf die Bühne — auf diese Zahl brachte es im Théâtre de la Ville nicht einmal die in Frankreich gefeierte Pina Bausch, deren internationaler Durchbruch in eben diesem Haus seinen Anfang nahm.

Bereits in Düsseldorf wurden die Maße der Pariser Bühne abgesteckt, damit sich die Tänzer an die Bedingungen gewöhnen. „Ich hatte Sorge, dass es bei Neither zerfasert“, sagt Schläpfer nach der Premiere. Gerade bei diesem Werk, das in die düsteren Spalten menschlicher Existenz eindringt, wäre ein undefinierbares Gewusel fatal. Doch alles klappt reibungslos. Nichts an Tiefe geht verloren.

Mit Neither und Forellenquintett präsentiert Schläpfer zwei gegensätzliche Stücke: das heitere Spiel der Fischlein und das Sichtbarmachen von Abgründen und Kummer. Die Energie der Kontraste trifft die Zuschauer. Der Applaus hält minutenlang. Ja, sagt Claire Verlet, auch für die Pariser sei dieses Ballett etwas Besonderes. Schläpfer sei „ein Autor. Ein Erzähler. Einer, der Tanz macht und neue Welten erfindet“.

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