„Farbe absolut“: Küppersmühle zeigt Werke von Grosse und Graubner

Duisburg : „Farbe absolut“: Küppersmühle zeigt Werke von Grosse und Graubner

Eine Ausstellung von Gotthard Graubner und Katharina Grosse in der Küppersmühle ist ein Kunstereignis, denn beide erzeugen Ikonen der Malerei. Dass die beiden Künstler vieles trennt, sieht man auf den ersten Blick. Das Duisburger Museum wagt einen vergleichenden Blick.

Eine Ausstellung von Gotthard Graubner und Katharina Grosse in der Küppersmühle ist ein Kunstereignis, denn beide erzeugen  Ikonen der Malerei. Sollte jemand den Künstler der Kissenbilder noch nicht kennen, so lernt er ihn von seinen Anfängen als Experimentator bis zu den Höhepunkten im Assisi-Zyklus kennen. Und Katharina Grosse, einst Studentin von ihm, hat sich längst zu einer Malerin entwickelt, die die Grenzen der Kunst in eruptiver Dynamik wie in stillen Passagen überspringt. Walter Smerling, Hausherr der Küppersmühle, vergleicht Graubner & Grosse mit dem „stillen, tiefen See und dem tosenden Meer“.

Als Katharina Grosse, Jahrgang 1961, mit 21 Jahren an die Kunstakademie Münster kam, hatte sie es zunächst mit Norbert Tadeusz zu tun, einem figurativen Künstler, der auf Vorbilder aus der Protorenaissance verwies. 1995 wechselte sie nach Düsseldorf zu Gotthard Graubner (1930-2013), der auf die Figur verzichtete und stattdessen den Farbraumkörper untersuchte.

Bei der Pressekonferenz in der Küppersmühle machte Grosse deutlich, dass sie nicht auf die Nachfolge von Graubner abgestempelt werden will. Sie trat zwar nach ihrer Professur in Weißensee 2010 seine Nachfolge als Malereiprofessorin in Düsseldorf an und lehrte bis 2018 in seinen Räumen, aber sie habe auch von Kollegen wie Dieter Krieg und Gerhard Richter sowie von Kommilitonen gelernt. „Es gab viel Konkurrenz in Düsseldorf“, sagte sie. Überleben konnte man nur durch ein eigenständiges Werk.

Großer Bogen von den Anfängen zu den Höhepunkten der Kunst

Die Kuratorin Eva Schmidt beginnt demonstrativ beim jeweiligen Jugendwerk. Beide Künstler sind nicht als Meister vom Himmel gefallen, sondern mussten ihren Weg finden. Graubners anfänglich leicht versiffte Aquarellfarben auf mehreren Lagen Zellstoff lassen die Farbe zuweilen unglücklich zerfließen. Seine Versuche mit zerbröselnden Kunststoffwürfeln und Synthetikwatte, die er auch noch von außen mit schwarzer Farbe bepinselte, belegen seinen tastenden Umgang mit ungewöhnlichen Materialien, bevor er zu den meditativen Farben, dem strahlenden Rot und Gelb, in den verschiedensten Schichtungen kam.

Die Anfänge von Katharina Grosse sind gleichfalls bescheiden. Für ihre frühen Papierarbeiten nahm sie breite Pinsel, aber schnitt Bögen und Durchgänge ins bemalte Papier, als Zeichen für ihr architektonisches Interesse. Erst zehn Jahre später griff sie mit ihrer Kunst in die Wirklichkeit ein.

Nach diesem Präludium kommen die Erfolge. Grosse liebt die emotionale Wucht der Farben und suggeriert in ihnen einen Energietransfer. Graubner beweist, wie seine mit breiten Pinseln und Besen aufgetragenen Farben in unermessliche Tiefe führen und gleichzeitig in den Raum strahlen. Dabei wohnt seinen Werken immer auch eine spirituelle  Poesie inne.

Grosse trachtet nach dem unermesslichen Raum. Ihr Riesenbild im Hauptsaal hat eine Breite von rund 20 Metern und ist mit sieben Metern Höhe so hoch, dass sich das farbige Tuch auch auf dem Boden ausbreitet. Die Künstlerin ist für ihre ausgefeilte Technik bekannt, wobei sie die Tücher partiell übereinanderlegt und nach dem Sprayen auseinanderzieht.

Bei allen Unterschieden in der Raumauffassung der Künstler gibt es auch Ähnlichkeiten. So lässt Grosse auf ihren Bildträgern, in der Regel reißfeste Theaterstoffe, ein strahlendes Rot von einem Maigrün überlagern, schiebt einen Dreiecksfetzen in Blautönen dazwischen, unterfüttert ihn mit Rot und vereint im nächsten Schritt das Ganze in einem komplementären Grün. Die Nachgeborene zieht alle Register, liebt ein pudriges Rot wie ein strahlendes Orange und beweist zugleich, wie sicher sie die Farben analysiert, aufeinander bezieht. Dabei muss man sich vorstellen, wie sie den Kompressor bedient, damit der Schuss aus der Farbpistole auf jedem Untergrund sicher landet. Diese Malerei stammt von einer Jägerin, die genau weiß, was, wen oder wie sie die materielle Welt mit ihren Farben treffen will.

Beide Künstler erzeugen eine neue, radikale Malerei. Aber zugleich lassen sie nicht los von der  Kunstgeschichte, von Tizian, Giotto und anderen Altvorderen. Doch vor allem Katharina Grosse genügt der Bildraum nicht mehr, es kann auch der Landschaftsraum, der Sand der Wüste, die Bühne des Theaters sein. Form und Formlosigkeit, Farben ohne Konturen, Sprühnebel, aber auch Pinsel, Wind und Luft sind Werkzeuge, um die Begrenztheit der Leinwand zu überspringen.

Über ihren einstigen Lehrer und Kollegen sagt sie: „Ich habe das Gefühl, dass Graubner die Geheimnisse des Bildes im Bild versteckt und ich die Geheimnisse des Bildes aus dem Bild auslagerte.“ In seinem Farbkissen gelangt die Farbe in unendliche Tiefen, in ihren Spraybildern dringt sie in die Wirklichkeit.

Für beide Künstler gilt: Unter einem Bild gibt es viele Bilder. Sie sind kalt oder warm, haben kreiselnde Bewegungen oder stoßen in den Farben hart aneinander, sind farbgesättigt oder klingen sachte nach.

Mehr von Westdeutsche Zeitung