Düsseldorf: Jetzt fehlt nur noch ein Denkmal für die Toten Hosen

Die Toten Hosen : Die Toten Hosen: Jetzt fehlt nur noch ein Denkmal

Unser Autor Konrad Schnabel kennt und begleitet die Toten Hosen seit ihren Anfangstagen. Er beschreibt hier, wie sie von einer unangepassten Band zu Besitzern eines Plattenlabels wurden, das etliche Mitarbeiter beschäftigt. Das neue Album „Alles ohne Strom“ stürmt die Charts.

„Die kriegen den Hals nicht voll“ mag mancher Neider angesichts des vorweihnachtlichen Sales aus dem Hosenstall raunen. Und tatsächlich ist das aktuelle Warenangebot der Hosen-Plattenfirma äußerst opulent. Zwei Vorboten auf die neue CD „Abbruch Abbruch“  von der Antilopen Gang liegen bereits auf dem Gabenteller. Der HipHop-Act des erfolgreichen Labels JKP wird Mitte Januar 2020 für das erste relevante Rap-Album des neuen Jahres sorgen und entsprechend touren. Von den Label-Chefs selbst gibt es neben der Bier- und Weinedition diverse Live-CD´s, DVDs und Blue-Rays ihrer akustischen Seitenprojekte „Entartete Musik“ und „Alles ohne Strom“ (in der ersten Woche auf Platz 1) mit dem schlimmen Ohrwurm und designierten  Karnevalshit „Feiern im Regen“ (der bereits bei den Stadtwerken in der Telefonwarteschleife eingesetzt wird), den Kinofilm „Weil Du nur einmal lebst“, ein neues Fan-Buch von Thees Uhlmann, u.a. Sänger der Hamburger Indie-Rocker Tomte und on top noch ein neues „Alles aus Liebe“-Fortuna-Trikot, das die Mannschaft beim Spiel gegen Bayern München tragen wird.

Dabei waren sie anno 2011 beinahe reif fürs Museum. Im folgenden Jahr sollte Deutschlands erfolgreichste Rockband ihren 30. und die meisten Mitglieder ihren 50. Geburtstag feiern. Möglichst mit einem großen Knall und nicht „In aller Stille“. Verschwörungstheoretiker sahen ja im Titel des letzten Studioalbums einen Hinweis auf die Trennung der Band.

Heute stehen die Toten Hosen auf dem Roten Teppich (bei der Berlinale Special), hier bei der Filmvorstellung von „Weil du nur einmal lebst - Die Toten Hosen auf Tour“. Von links: Michael Breitkopf (Breiti), Andreas Meurer (Andi), Andreas Frege (Campino), Stephen George Ritchie (Vom) und Andreas von Holst (Kuddel). Foto: dpa/Britta Pedersen

Die Single „Auflösen“ wurde als böses Omen gewertet

Und als noch die Single „Auflösen“ ausgekoppelt wurde, spekulierten die Fans, ob das ein böses Omen für die Zukunft sein könnte. Drei Jahre war das letzte Album schon alt, die letzten Heimspiele, fünf Weihnachtskonzerte im Dome, verklangen Ende 2009. Danach: zwei Jahre Funkstille. Und tatsächlich hatten die alten Kumpels in puncto Freundschaft und Kreativität schon bessere Tage gesehen. Und man tat gut daran, sich eine Zeitlang aus den Augen zu gehen und sich anderen Dingen und Menschen zuzuwenden. Finanziell hatte man längst ausgesorgt, aber der letzte große Hit war lange her. Jedoch galt es, dieses große Jubiläum angemessen zu feiern. 30 gemeinsame Jahre durch dünn und dick. Schließlich war man auch Arbeitgeber einer Plattenfirma, mit Festangestellten, Azubis und vielen Geschäftspartnern. Ein kleines Imperium, das am Laufen bleiben sollte. Verantwortungs- und Pflichtgefühle brachten die Hosen schnell wieder an einen gemeinsamen Tisch.

Die Antilopen Gang (hier beim Open Source Festival 2017 in Düsseldorf) sind beim JKP Label der Toten Hosen unter Vertrag. Foto: Robert Eikelpoth

Die Truppe hatte sich zwar wieder zusammengerauft und arbeitete an neuen Songs, aber keiner wusste, was dabei herauskommen würde. Und so fiel ein Vorschlag des Autors dieser Zeilen beim Hosen-Manager Jochen Hülder auf fruchtbaren Boden. Wie wäre es mit einer amtlichen Retrospektive in einem großen Museum der Stadt? An der Zeit wäre es, genügend Material für eine (interaktive) Hosen-Ausstellung ist wahrlich zu Genüge archiviert.

Der gewitzte Geschäftsmann hätte sich das vorstellen können, als Plan B, falls es nichts mit dem Big-Bang des neuen Albums werden sollte. Als Termin wurde das Jahr 2018 avisiert, im Anschluss an das 35. Bandjubiläum. Ich sondierte Möglichkeiten und Partnerschaften, alle Kulturschaffenden der Stadt waren hellauf begeistert. Erstmals lief ich überall offene Türen ein. Vor drei Jahrzehnten hätte man es für einen schlechten Witz gehalten wenn die Opel Gang mit Schauspielhaus, Tonhalle, Museen oder anderen Kulturtempeln in Zusammenhang gebracht worden wäre, heute breiten alle die Arme ganz weit aus.

Hektik vor der Bühne beim Konzert der Toten Hosen am 28. Juni 1997 im Rheinstadion. Bei dem Konzert starb eine junge Frau. Rund 400 Personen wurden verletzt. Für unseren Autor die schlimmste Erinnerung. Foto: picture-alliance / dpa/Achim_Scheidemann

Zur gleichen Zeit in Österreich ließen sich allerdings Campino und seine damalige Muse und Schauspielkollegin Birgit Michimayr beim gemeinsamen Baden in einem Alpensee zu den finalen Zeilen eines Songs von Kuddel inspirieren. Das Lied wurde zunächst für mäßig befunden. Seine Melodie überzeugte nicht und dem Sänger fiel kein passender Text dazu ein. Doch nun war das zunächst so ungeliebte „Tage wie diese“ fertig und wurde sogar als erster Song für ihr 15. Studio-Album „Ballast der Republik“ eingespielt, das pünktlich zum 30. Jubiläum 2012 veröffentlicht wurde.

Es kam also alles ganz anders. Campino fand mit dem ostdeutschen Rapper Materia den richtigen Textimpulsgeber, die Band war wieder am Strom und schaffte es tatsächlich, noch mal eine ganze Nummer größer zu werden. Nun konnten sie sich wirklich nicht mehr aussuchen, wer ihre Songs missbraucht. Ihre Ode an das Leben, an das Feiern und an Düsseldorf avancierte zu ihrem größten Hit und ist jetzt schon deutsches Kulturgut. Ein unkaputtbares Volkslied, das selbst von Millionen von Gelegenheitsgröhlern, Helene Fischer oder der Bundestagsfraktion der CDU nicht ermordet werden konnte.

Er löste im deutschsprachigen Raum Queens „We are the Champions“ als Siegesfeier-Hymne ab, begleitete die DFB-Elf bei der EM 2012 und wurde nach dem Endspiel der Fußball-WM in Brasilien vor drei Milliarden Menschen aus der ganzen Welt gespielt. Die Toten Hosen waren nun Nationalgut. Was folgte, ist auch nicht eingefleischten Musikfans reichlich bekannt.

Vielleicht lag der Erfolg ihres zweiten Frühlings auch an der neuen Nüchternheit. Die beiden Vorgänger-Alben klangen ein wenig nach Katerstimmung. Sie fielen in die Zeit des allgemeineren Suchtentzugs. Die Herren mittleren Alters mussten schon aus gesundheitlichen Gründen ziemlich zurückrudern. Ausgerechnet Kuddel, einst das diesbezügliche Sorgenkind der Band, war dabei am konsequentesten.

Er wurde komplett clean, trockener Alkoholiker, Veganer und zuletzt sogar – was der Rest der Band schon lange war – Nichtraucher. Ihre heutigen Dealer kommen aus dem medizinischen Bereich. Auf Tour wird die Band wie ein Spitzensportler-Team betreut, damit sie auf der Bühne immer noch so toben, als gebe es immer noch kein Morgen danach. Auch privat achtet man inzwischen viel mehr auf sich und sein individuelles Wohlbefinden.

Zwar lässt es der Sänger der Band gelegentlich immer noch krachen (der etwas jüngere Schlagzeuger noch gelegentlicher), aber die Zeiten legendärer Sommer-Partys und Weihnachtsfeiern unter dem Motto: „Wer sich erinnert, war nicht dabei“ sind inzwischen Schnee von vorgestern.

Zu Beginn ihrer Karriere, den frühen 1980ern, galt die Opel Gang noch als Störenfried Nr. 1. Anzügliche Plakataktionen, Krawallkonzerte, Gerichtsverfahren, Campino als hochprozentige Skandalnudel auf der Bühne und im TV. Beim ersten Konzert im Haus der Jugend wurden noch alle Scheiben eingeschmissen, in der Uni-Mensa zerlegten die Fans die kompletten Sanitäranlagen. Die Veranstalter rissen sich nicht unbedingt um Engagements. Und von der Stadtverwaltung  wollte (bis auf ein paar Jugendamtsmitarbeiter) niemand mit den Krawallbrüdern zu tun haben.

Heutzutage muss sich sogar ein Oberbürgermeister anstrengen, um Karten für eine „Mit Pauken & Trompeten“-Aufführung zu bekommen. Thomas Geisel ist aber auch das erste Stadtoberhaupt, das jünger als Campino ist. Sein Vorgänger Dirk Elbers antwortete mal auf die Entweder-oder-Frage „Hosen oder Kraftwerk“? gelangweilt: „Na dann schon eher die Toten Hosen“. Joachim Erwin erkannte zwar deren enormen Werbewert für seine Stadt, doch ihr Verhältnis war nicht nur aus musikalischen und ideologischen Differenzen frostig.

Nach der zufälligen Sitznachbarschaft eines gemeinsamen Inlandflugs in der Businessclass sah sich das städtische Oberhaupt zu der Verlautbarung veranlasst, der vermeintliche Punkrocker trüge in seiner Freizeit Designer-Klamotten. Dieser Entzauberungsversuch ging aber nach hinten los und sorgte nicht nur in Campinos engerem Umfeld für große Heiterkeit. Zumal dieser zu Beginn des neuen Jahrtausends seinem Hang zu Selbstgestricktem noch freien Lauf ließ. Punk und Profit war den Konservativen ja stets ein Dorn im Auge. Dabei haben die Hosen all die ganzen Jahre nicht nur Haltung gezeigt, sondern sich auch stets karitativ und engagiert.

Mit ihrem ungebremsten Lokalpatriotismus unterstützen sie bereits 1989 ihren maroden Fußballclub mit der „Fortuna-Mark“ (diese wurde auf die Konzertkarten aufgeschlagen),  womit dann auf dem Transfermarkt das „rechte Bein von Tony Baffoe“ erworben wurde. Zwölf Jahre später greifen sie noch einmal ein. In höchster Not. Auch die DEG wurde in Krisen unterstützt. Des Weiteren zeigten sie Engagement für Oxfam, spenden Geld für atmosfair, Initiativen, marode Konzertstätten usw. Seit Neuestem unterstützen sie den Verein KultUR-Crew, welcher sich um die Förderung von jungen Künstlern und Bands in der Landeshauptstadt kümmert.

Die Mitarbeiter von JKP müssen sich keine Sorgen machen

Mögen die Hosen auch anderswo vergöttert werden, z.B. in Buenos Aires, Warschau oder sogar Köln, heiliggesprochen, Ehrenbürger oder mit einem Denkmal geehrt können sie nur in ihrer Heimatstadt werden. Wenn sie sich bis auf nächtliche Besuche in öffentlichen Schwimmbädern keine größeren Skandale mehr leisten, dürften  sie ihr eigenes Denkmal bestimmt noch selbst einweihen. Und da ihr Plattenlabel im kommenden Jahr mit Broilers und Feine Sahne Fischfilet noch zwei Asse im Ärmel hat, dürften die Mitarbeiter von JKP auch künftig  keine Angst um ihre Arbeitsplätze haben.

Von der „Alles ohne Strom“-Tour wurden in den ersten Tagen über 250 000 Tickets abgesetzt. Trotz vieler Zusatzkonzerte sind fast alle ausverkauft. Leider auch die beiden Termine daheim am 19. & 20.6. im Dome. Es besteht noch die kleine Hoffnung, dass eventuell noch der Sonntag (21.Juni) angehängt wird. Mehr Infos: www.dth.de

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