Gräfin Schönfeldt lehrt große alte Männer kochen

Neues Kochbuch für alte Männer : Gräfin Schönfeldt lehrt große alte Männer kochen

Kann man sich selbst verköstigen, wenn das ein Leben lang andere getan haben? Aber bitte, sagt Sybil Gräfin Schönfeldt. Denn Kochen ist Kultur.

Viele sagen, es lohne nicht, nur für sich allein zu kochen. Grober Unfug, sagt Sybil Gräfin Schönfeldt. Für die inzwischen 92-Jährige, die gern als „Grande Dame der Kochkultur“ bezeichnet wird, ist Essen so viel mehr als Sättigung. Kultur eben. Von der versteht sie fast noch mehr als vom Kochen: Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte, promovierte in Wien, schrieb lange Jahre für Titel wie „Die Zeit“ und „Stern“, übersetzte Kinderliteratur. Vor allem aber kombiniert sie Kochen und Kultur von Herzen gern, schrieb etwa literarische Kochbücher über Goethe und Fontane.

Das lange Leben der Gräfin wirkt in Teilen selbst wie ein Roman. Ihre Vorfahren stammen aus Meißner Uradel, geboren aber wurde Schönfeldt 1927 in Bochum. Ihre junge Mutter starb nur sieben Wochen nach der Geburt der Tochter, der Vater ehelichte einige Jahre später ein Filmsternchen, doch die Gräfin wuchs bei ihren Großeltern auf. Zu ihren engen Freunden, mit denen sie gern kochte und aß, gehörte die Schriftstellerin Astrid Lindgren.

Deren „Chicken à la King“ war Bestandteil von Schönfeldts letztem Bestseller „Kochbuch für die kleine alte Frau“ – ein sehr persönliches Buch voller Geschichten, die zeigen, dass es auch nach einem Leben, in dem man die Familie verköstigt hat, lohnt, sich allein zu verwöhnen. Fast schon logischerweise folgt nun Schönfeldts Nachfolgewerk: das „Kochbuch für den großen alten Mann“. Es beginnt so: „Mein Vater wäre verhungert, wenn er sich selbst hätte verköstigen müssen. Er wurde Witwer, als die Inflation Ende der Zwanzigerjahre auch in viele Küchen eingebrochen war – für Köchinnen und Küchenmägde gab es kein Geld mehr und auch nicht für Hummer, Gänseleber und Champagner. Die Zeit war für Junggesellen und junge Witwer nicht günstig, aber ich glaube, mein Vater ist nie auf die Idee gekommen, deshalb kochen zu lernen.“

Gräfin Schönfeldt, Ihre Mutter kannten Sie nicht, Ihr Vater konnte überhaupt nicht kochen – wie hat sich bei Ihnen diese kochende Leidenschaft entwickelt?

Sybil Gräfin Schönfeldt: Das war der Geiz meines Verlegers in den 50ern bei einem Familienmagazin. Er war der Meinung, für Texte über Essen und Trinken müsse man kein Geld ausgeben. Mein Chefredakteur konnte Steaks braten, ich Reis kochen – dann haben wir uns durchgearbeitet. Erst einmal habe ich einen Wissenschaftler finden müssen, der etwas über die Ernährung des gesunden Menschen wusste. Das hat damals lange gedauert und ich war froh, als ich einen einzigen Menschen gefunden hatte, der mir Nachhilfe gab. Das war für mich der Uranfang von allem.

Ihr Vater als großer alter Mann, der mit Küchenpersonal aufwuchs, stammt aus einer anderen Zeit. Sie haben das Kochbuch aber jetzt veröffentlicht. Glauben Sie, es ist noch immer aktuell?

Schönfeldt: Ganz offensichtlich. Es ist rührend, wie viele große alte Männer sich jetzt, wo das Buch draußen ist, noch an mich wenden und sagen: Ich hätte dir noch die und die Geschichte erzählen können.

Viele Menschen sagen, es lohne nicht, für nur eine Person zu kochen. Sie sehen das ganz offensichtlich anders.

Schönfeldt: Ja, selbstverständlich. Es ist sinnvoll und gesünder. Sehen Sie, alle reden heute über Umwelt und Gesundheit und Bio – und gehen dann in den Supermarkt, wo auf 500 Metern Joghurt in den Regalen steht; linksgedreht, rechtsgedreht, mit naturidentischen Kunstaromen. Das kann man alles vergessen. Man kauft einen Joghurt und tut einen Löffel selbstgemachte Marmelade rein. Erstens weiß man dann, was drin ist, und zweitens schmeckt es noch besser. Man lebt schon gesünder, wenn man mit dem Jahr das verkocht, was gerade angeboten wird. Dann braucht es keine Aufdrucke auf irgendwelchen Tüten, ob der Inhalt gesund ist oder nicht.

Früher war also alles besser – zumindest in der Küche?

Schönfeldt: Früher war zumindest alles anders. Ich bin geizig und weiß, dass ich billiger an Lebensmittel komme, wenn ich sie auf dem Markt frisch vom Bauern kaufe. Das hat übrigens auch Goethe schon gewusst. In Faust II gibt es die berühmte Stelle, wo der Kaiser, der gerade gesiegt hat, sein Essen bekommen soll und der Truchsess sagt zu ihm: Ich weiß, was du isst – das, was das Jahr bringt, schlicht gekocht. Diese Weisheit war früher natürlich leichter zu erfüllen. Eine Großstadt kann nur versorgt werden mit Hilfe der Industrie. Aber man kann es in Grenzen halten.

Was hat denn Ihre berühmte Freundin Astrid Lindgren gern gegessen oder gekocht?

Schönfeldt: Sie hat sehr gern Aufläufe gemacht mit Fisch und Kartoffeln – sie lebte ja auf den Inseln. Und so etwas ist leicht zuzubereiten.

Haben Sie bei Ihren Treffen mehr übers Essen gesprochen oder über Literatur?

Schönfeldt: Über alles – ich habe sie ja bestimmt 50 Jahre lang gekannt, da redet man über alles in der Welt. Sie war niemand, der sich speziell fürs Essen interessiert hätte. Aber in ihren Geschichten kommt immer Essen vor und sie erzählt von ihrer Familie, die in Einzelhöfen übers Land verteilt lebte. Sie sind zueinander gefahren, meist zur Großmutter, und was es dann dort zu essen gab, war gigantisch. Wenn gefeiert wurde, dann voll und aus ganzem Herzen. Das ist auch eines der ersten Dinge, die ich über Ernährung gelernt habe: Eine Tagesbilanz für das, was man gegessen hat, bringt nichts, sondern mindestens eine Wochenbilanz. Magere Tage wechseln sich ab mit Festtagen.

Wie sieht für Sie ein perfekter Abend mit Hochkultur und Hochgenuss aus: welches Buch, welches Essen?

Schönfeldt: Vermutlich ein Roman von Theodor Fontane – die kann man immer wieder lesen. Und manchmal mache ich mir ein kleines Schinkenfleckerl, das geht auch in einer kleinen Pfanne für eine Person: Man nimmt breite Bandnudeln oder Spaghetti, die werden gemischt mit Eiern – verklöppert mit Milch oder Sahne –, Zwiebeln und gewürfeltem Schinken. Schinkenfleckerl sind etwas Wunderbares. Eins von diesen Urrezepten, bei denen in Österreich jede Familie ihr eigenes hat.

Ihre Tipps sind ja gar nicht nur für große alte Männer und kleine alte Frauen interessant, sondern auch für junge Menschen, die einfach nie gelernt haben, zu kochen. Was geben Sie denen mit auf den Weg an den Herd?

Schönfeldt: Beide Bücher vertreten ja zwei Situationen: Die Frau, die ihr Leben lang für die Familie oder einen Mann gekocht hat; das „Kochbuch für den großen alten Mann“ ist ein Buch für den Mann, der nie kochen musste, weil immer für ihn gekocht wurde. Wenn der nun einsam in der Küche steht und sich fragt, was er machen soll, dann braucht er die berühmten Grundtatsachen: Was hat welche Garzeit zum Beispiel. Er muss sorgfältig lesen, was auf der Packung steht – und aufschreiben, wenn er etwas anders macht und es ihm besser schmeckt.

Also selbst ein „Küchenbuch“ führen, wie es früher Usus war?

Schönfeldt: Das ist zu empfehlen. Ich habe früher zweierlei Küchenbücher geführt: Eines, in dem stand, was es wann mit welchen Gästen zu essen gab, und eines mit all dem, was in keinem Kochbuch steht. In einer Lebenszeit, die so lang ist wie meine, hat sich der Lebensmittelmarkt so verbreitert, dass ich etwa ganz neu lernen musste, wie man Tiefkühlprodukte zubereitet. Ich habe also aufgeschrieben, wie es mir gelungen ist und wie ich kombiniert habe. Und ganz wichtig: Was dazu getrunken wurde. Gute Weine sind immer wichtig.

Den eigentlichen Platz in Ihren Kochbüchern füllen Geschichten über Menschen aus Ihrem Leben. Die Rezepte nehmen jeweils weniger als eine Seite ein, manchmal eine halbe. Man hat immer das Gefühl: Das nachzukochen ist schaffbar.

Schönfeldt: Ganz genau. Es sind eben keine Kochbücher im klassischen Sinne. Es sind Lebensbücher in der Küche.

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