Die Kunsthalle Düsseldorf zeigt Bäume – ohne Wald

Ausstellung Carroll Dunham und Albert Oehlen : Die Kunsthalle Düsseldorf zeigt Bäume – ohne Wald

Mit Carroll Dunham und Albert Oehlen widmen sich zwei Stars der Kunstszene Wurzelwerk und Baumkronen. Das Ganze ergibt eine sehenswerte Schau in der Landeshauptstadt Düsseldorf.

. Mit der Klimaschutz-Bewegung ist der Baum in aller Munde, als tragisches Symbol und ökologischer Problemfall. Blüht und gedeiht er, so könnte er die Welt retten. Nun tauchen zwei Baum-Apostel in der Kunsthalle Düsseldorf auf, die das Thema genüsslich und erzählerisch der eine, intellektuell und konzentriert der andere, in Bilder fassen. Carroll Dunham, der eine aus Amerika, Albert Oehlen, aus Europa, sind Stars der Szene. Dass sie in Düsseldorf aufeinandertreffen, nennt Kunsthallenchef Gregor Jansen einen Glücksfall.

Treffen eines Krefelder Künstlers mit einem Mann aus New York

Für Oehlen (65) ist es fast ein Heimspiel, denn er ist in Krefeld geboren, hat in der Seidenstadt 19 Jahre seiner Kindheit und Jugend verbracht, beim Griechen gegessen und „Unter der Uhr“ (UdU) seinen Treffpunkt gehabt. Von 2000 bis 2009 war er Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie und hat eine gute Riege von jungen Malern hervorgebracht. Inzwischen ist er in der Gemeinde Gais in den Südtiroler Ausläufern der Alpen zu Hause, wo er in einer Höhe von tausend Metern die Bäume eher als spindeldürres Astwerk erlebt. Der US-Amerikaner Carroll Dunham (70) lebt in New York.

Beide Künstler sind international berühmt. Ihre Ausstellungsliste ist so lang, dass wir sie den Lesern ersparen. Zusammengeführt hat sie Cornelius Tittel, der zuvor schon Albert Oehlen mit dessen Schüler Peppi Bottrop in Los Angeles zeigte. Von Haus aus Journalist und Kreativdirektor, präsentiert er als Kurator eine brillante Schau, in der seine Helden genügend Freiräume erhalten, um Dialoge zu führen und Gegensätze auszuspielen.

Die Zeiten, da Oehlen im Gruppennacktfoto mit Martin Kippenberger und Jörg Immendorff als „Sauna-Gang“ auftrat, sind längst vorüber. Er ist ein sportlich durchtrainierter Mann. Kein Fett zu viel. So einer sieht die Bäume nicht in ihrer Fülle, sondern in ihrem Astwerk. Die Realität wird ihnen so weit ausgetrieben, dass die zu Chiffren werden. Die sichtbare Wirklichkeit verdichtet sich zum Symbol. Das sind filigrane Bäume ohne Wald, denen dennoch eine gewisse Energie nicht abgeht.

Diese Bäume bewirken keine Nostalgie, keine romantischen Gefühle. Sie sind reduziert, schlicht, kahl und karg. Die Äste sind in den Farben das, was sie sind, braun und schwarz. Aber sie wurden auf Aluminium-Verbundstoff Aludibond aufgetragen. Dabei handelt es sich um ein Material von hoher Planheit, das eine Farbbrillanz und Detailschärfe garantiert. Diese kalte, technologische Oberfläche lässt jede Malerei wie eingefroren erscheinen. Das Astwerk wird zum Piktogramm. Und dennoch: Oehlen wäre nicht einer der besten Maler der Gegenwart, wenn er nicht wüsste, wie man aus Motiven Bilder macht, wie man sie auf weiße Untergründe setzt, so dass sie sich über den Bildrand hinaus in den Raum ausdehnen und eine unendliche Weite suggerieren.

Und gleichzeitig bemerkt der Betrachter fast wie erschrocken, wie dieses Astwerk einen Mittelpunkt hat, der lebt, wächst, wie eine Kraftzentrale wirkt. Das ist typisch Oehlen: Alles changiert zwischen Dinglichkeit und Abstraktion, ist Symbolbaum, ist Skelett. Und doch immer ein Kunstwerk, das dieser langsame „Arbeiter“ am Bild nie verleugnen würde.

Sein Ausstellungspartner Carroll Dunham ist der Gegenspieler. Der Künstler-Künstler, der hierzulande völlig unbekannt ist, denn seine Schau 2009 im Kölner Ludwig-Museum zeigte nur Papierarbeiten. Dieser Maler machte einst mit seinen pornografischen Werken Schlagzeilen. Auch jetzt meint man zuweilen, in diesen dicken Baumstämmen etwas Phallusartiges zu sehen.

Eine Baumkrone mit Irokesenschnitt und Haarkräuseln

Er malt zuweilen fast wie ein Kind, scheinbar naiv, das Bild bis zum Rand füllend. Seine Baumkronen haben einen Irokesen-Schnitt. Sie tragen Königskronen, ähneln Picassos Stiermasken. Prall und märchenhaft sind sie. Zuweilen erscheinen sie wie kolossale Quadratschädel. Deftige Typen sind es. Und obendrauf wird es ornamental, wenn sich die Bart- und Haarlocken kräuseln. So eine Baumkrone kann grotesk und comichaft erscheinen. Sie kann ein Porträt, ein Fischkopf, eine Karikatur und ein pralles Energiebündel sein.

„Die Kombination ist ideal. Man kann sich das Wechselspiel nicht schöner vorstellen.“ So schwärmt Kunsthallenchef Gregor Jansen, dem die Ausstellung wie ein Geschenk des Himmels vorkommt, haben sich doch die Stiftung der Sparda-Bank West und das Kultusministerium daran beteiligt. Glücklich ist auch sein Kollege Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museum Hannover, der die Ausstellung von Juni bis Oktober übernehmen wird. Er lobt, wie sich die doch so gegensätzlichen Werke gegenseitig beflügeln.

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