Terror-Gefahr: Das fremdgesteuerte Auto als ziemlich reale Bedrohung

Terror-Gefahr: Das fremdgesteuerte Auto als ziemlich reale Bedrohung

Moderne Wagen sind mit viel Technik ausgestattet. Die lässt sich aber auch knacken.

Los Angeles. Mit Höchstgeschwindigkeit rast der Mercedes C250 über den Highway, bevor er ungebremst an einem Baum zerschellt. Der Journalist Michael Hastings verliert am 18. Juni sein Leben. Ein tragischer Autounfall, sagen Ermittler. „Ernst zu nehmende Verstrickungen“, vermutet Wikileaks. Der Reporter, der im Geheimdienst-Milieu recherchierte, sei von der Regierung beseitigt worden.

Was nach einem düsteren Science-Fiction-Film klingt, ist von der Realität gar nicht so weit entfernt. Das legt zumindest ein aufsehenerregender Versuch der amerikanischen IT-Experten Charlie Miller und Chris Valasek nahe. Sie baten einen Reporter ans Steuer eines Toyota Prius, während sie selbst auf dem Rücksitz Platz nahmen. Mithilfe eines normalen Laptops übernahmen sie die Kontrolle. Licht, Hupe, Bremsen, Schlösser — alles ließ sich steuern, während der Fahrer hilflos aufs deaktivierte Bremspedal trat.

Das war noch die harmlose Variante: Schon vor drei Jahren experimentierte ein Team der University of Washington mit einem Auto, das sich über Wlan komplett fernsteuern ließ. „Solche Eingriffe sind momentan noch in den Startlöchern“, beruhigt Christoph Ruland, Leiter des Lehrstuhls für Digitale Kommunikationssysteme an der Universität Siegen.

Trotzdem bedeuteten sie eine nicht zu unterschätzende Gefahr. „Im Golf 5 sind 60 Steuergeräte verbaut, jedes mit eigener Software“, so Ruland. Bei einer aktuellen S-Klasse seien es bis zu 160 Mini-Computer. „Je moderner die Ausstattung ist, desto anfälliger werden die Systeme“, erklärt der IT-Experte. Die meisten Autohersteller hätten das Problem erkannt und investierten massiv in Verbesserungen. Das scheint auch nötig zu sein, zumal sich die potenziellen Einfallstore vergrößern.

Ab 2015 soll nach dem Willen der EU-Kommission jeder Neuwagen mit einem Sender ausgestattet sein, der bei einem Unfall automatisch einen Notruf aussetzt und den Standort überträgt („E-Call“). Bei vielen Modellen gehört heute schon eine Internetverbindung zum guten Ton. Smartphones lassen sich mit der Bordelektronik verbinden wie MP3-Player oder Laptops — alles potenzielle Quellen, um sich einen Virus einzufangen. Längst gibt es elektronische Helfer, die selbstständig einparken. Notbremsassistenten treten automatisch auf die Bremse, wenn sie einen drohenden Zusammenstoß erkennen.

Falls schädliche Programme in solche Mechanismen eingreifen, lassen sich theoretisch auch Unfälle provozieren. Eine unfreiwillige Vollbremsung bei Tempo 200? „Ein solches Szenario kann man sich vorstellen“, sagt Ruland. Dass unsichere Software schlecht fürs Image ist, hat auch die Autoindustrie erkannt. Immer öfter holen die Fahrzeughersteller sogar Hilfe von außen — zum Beispiel bei der Bochumer Escrypt GmbH. Escrypt entwickelt spezielle Programme, die Steuergeräte vor Hacker-Angriffen schützen sollen.

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