Champions League: Wie Jupp Heynckes den FC Bayern wieder flott machte

Champions League : Wie Jupp Heynckes den FC Bayern wieder flott machte

Der 72-jährige Trainer des FC Bayern ist bereits jetzt eine Fußball-Legende. Am Mittwoch trifft sein Team im Halbfinale der Champions League auf Real Madrid.

Noch sechs Partien. Sechs? Oder vielleicht doch sieben? Dreimal Bundesliga, das DFB-Pokalfinale in Berlin gegen Frankfurt, die beiden Halbfinale in der Champions League gegen Real Madrid — und das siebte dann in Kiew, das große Endspiel in der Königsklasse? Warum nicht? Genau, warum nicht. Das sagt auch Josef Heynckes, der Jupp, die Fußball-Legende, der einzige deutsche Trainer, dem das Triple aus deutscher Meisterschaft, Pokal und Champions League gelang, und der das sagenhafte Meisterstück nun tatsächlich wiederholen könnte.

Dazu muss in zwei Duellen zunächst mal der Champions-League-Titelverteidiger bezwungen werden, muss der „Kampf der Giganten“, wie Heynckes das Aufeinandertreffen zwischen seinem FC Bayern München und Real Madrid nennt, gewonnen werden. „Real Madrid ist eine exzellente Mannschaft“, sagt Heynckes, „aber wir auch.“

Ein banaler Satz? Nein, es ist eine Kampfansage. Nicht mit dem großem Tamtam unserer Zeit in die Welt hinausgetwittert, sondern einfach so in leisen Worten gesagt. Freundlich, aber bestimmt. Ohne Arroganz, aber mit großem Selbstvertrauen. Ohne Zweifel, dafür im festen Glauben. Und dieser Satz wirkt. Prompt ist in den Zeitungen in der spanischen Hauptstadt über Jupp Heynckes zu lesen, dass er damals der Trainer war, der die Zeit von Real Madrid als ewiger Verlierer beendete. Zwar nur ein Jahr lang dirigierte der Maestro das weiße Ballett, aber er triumphierte mit ihm 1998 in der Königsklasse.

Selbst die selten zimperlichen Medienvertreter, die den spanischen Fußball mit fetten Schlagzeilen begleiten, haben enormen Respekt vor Heynckes. Es muss ja nicht gleich so sein, wie der Kolumnist eines deutschen Onlinemediums glaubt, dass den Spaniern „der Arsch auf Grundeis geht“, aber ein bisschen Furcht schwingt doch mit, wenn die Rede davon ist, dass der Entrenador Heynckes bei jeder Teilnahme auch das Finale der Champions League erreicht habe. 2012 im Halbfinale war Real schon mal das Bayern-, das Heynckes-Opfer. Und die Bayern, die jetzt auf Real warten, sind nicht die Bayern von Pep Guardiola und sie sind nicht die Bayern von Carlo Ancelotti, sie sind wieder die Bayern von Jupp Heynckes.

Und die ticken anders als unter dem gemütlichen Italiener aus Reggiolo oder dem hyperaktiven Spanier aus Santpedor. Die Bayern im Frühjahr 2018 haben keine Ängste, sie haben Lust auf Madrid. Und wenn sie sie denn registriert haben, dann belächeln sie die Freizeitbilder, die Reals Spieler am Wochenende über die sozialen Medien verbreitet haben. Pause? Ausruhen? Da hat der Heynckes aus dem Schwalmtal, der auch mit 72 Jahren akribisch seinen Job erledigt, eine andere Sicht der Dinge. Nach dem 3:0 in Hannover lobte der Bayern-Trainer seine Akteure, egal ob in Meisterschaft, Champions League oder Pokal, die Spieler seien „hochmotiviert, topfit und wollen immer Leistung bringen“. Und dann folgte der Satz von Heynckes, der in Madrid besonders aufmerksam registriert wurde: „Das ist auch wichtig, dass wir im Fluss bleiben und uns immer noch steigern können.“ Ausruhen, Pause machen? Nichts für Männer, die höchste Ziele vor Augen haben. Prompt erklärte Thomas Müller mit Blickrichtung Madrid: „Wir gehen mit breiter Brust ins Spiel. Wir müssen Reals Schwächen ausnutzen.“ So wie es Juventus Turin im Rückspiel des Viertelfinales im Bernabéu gelungen sei. „Da haben sie mit 1:3 verloren. Auch wenn sie weitergekommen sind, heißt das: Sie sind verwundbar.“

Die Bayern-Kicker trauen sich wieder. Das ist das Verdienst von Jupp Heynckes, denn als der altersweise Fußballlehrer im Herbst 2017 nach München zurückkehrte, war diese Mannschaft ein dunkler Schatten ihrer selbst. Mit Ancelotti in Paris 0:3 gedemütigt, mit dem Ein-Spiel-Interimstrainer Willy Sagnol in Berlin einen 2:0-Vorsprung bei der biederen Hertha verspielt, Borussia Dortmund in der Liga um fünf Punkte enteilt — damals schien der Satz des Franzosen zur Situation zu passen: „Wir sind“, sagte Sagnol, „nicht mehr die stärkste Mannschaft in Deutschland.“ Heute, nach 24 Bundesligaspielen und mehreren glanzvollen Auftritten im Pokal und in der Champions League unter Heynckes, klingt er fast absurd.

Wie hat er das gemacht, Don Jupp? Aus seiner eigenen Sicht wohl mit einer leichtgefallenen Selbstverständlichkeit. Heynckes kennt ja den FC Bayern in- und auswendig, mit vielen Spielern hatte er bis 2013 schon zusammengearbeitet, er wusste, was zu tun ist und auch, was die wichtigste Aufgabe war: Als Erstes galt es, die unter Ancelotti verloren gegangene Hierarchie schnell wiederherzustellen.

Die Weltmeister Jérôme Boateng und Mats Hummels, von seinem Vorgänger austauschbar gemacht, bekamen von Heynckes ihre Plätze an der Spitze zurück. Müllers herausragende Stellung als Fußballer, Identifikationsfigur und Kapitän betonte der Chef. Javi Martinez schob er von der Abwehr ins defensive Mittelfeld, wo der schon in der großen Heynckes-Zeit brilliert hatte. David Alaba und Joshua Kimmich bekamen mehr Freiheiten, mit dem Kolumbianer James sprach Heynckes Spanisch und gab ihm wichtige Aufgaben, und dem nach Manuel Neuers Ausfall zur Nummer eins gewordenen Sven Ulreich schenkte er volles Vertrauen. Aber der freundliche Jupp konnte auch anders. Weil ihm Arturo Vidals Trainingseinsatz missfiel, erhielt der einen Rüffel. Die sich gerne mal als Diven gerierenden Altstars Arjen Robben und Franck Ribéry stellte Heynckes in den Senkel, wenn sie bei Nichtberücksichtigung aufmuckten. Sämtlichen Spielern aber vermittelte er in unzähligen Einzelgesprächen: Ihr seid alle wichtig. „Jeder wird ins Boot geholt“, sagt Boateng, „das gibt uns Spielern das Gefühl, dass man diesem Mann was zurückgeben möchte.“ Heynckes’ Büro bekam den Spitznamen „Sprechzimmer“.

Alles fügte sich schnell. Als wäre Jupp Heynckes nie weggewesen. „Mich fasziniert es noch heute, wie hartnäckig und geschlossen die Mannschaft damals ihre Ziele verfolgt hat“, hat der Mann kürzlich mit einem Blick zurück auf das Triple-Team von 2013 erklärt. Genau diese Bereitschaft spürt er jetzt wieder, es macht ihn glücklich, aber auch extra ehrgeizig. „Real Madrid? Ja, wir können sie schlagen“, sagt Jupp Heynckes, „ich habe einen Plan.“

Er will nach Kiew. Er will noch sieben Spiele.

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