Peru: Die Magie der sagenhaften Inka

Peru: Die Magie der sagenhaften Inka

Die Anden haben etwas Geheimnisvolles. Wer dort unterwegs ist, reist tief in die Vergangenheit.

Cusco. Alle Wege führen nach Machu Picchu. Zumindest führt für jeden Peru-Reisenden kein Weg an einem der magischsten Orte Südamerikas vorbei. Damit ist das Kernproblem des Weltkulturerbes auf 2400 Metern Höhe auch schon ausgesprochen. Am Eingang zur sagenhaften Stadt der Inka, versteht man: Die Wege aller führen nach Machu Picchu. Und deswegen ist es sinnvoll, den Weg zum Ziel zu machen. Der Besuch der einzigen, nicht von den spanischen Eroberern zerstörten Inka-Stätte ist nur der Endpunkt einer Strecke, die man unterschiedlicher kaum zurücklegen kann.

Die schmale Gleisspur im Bahnhof von Ollantaytambo lässt es beinahe unmöglich erscheinen, dass hier gleich einer der luxuriösesten Züge der Welt einrollt. Das Dorf ist nur ein Zwischenhalt auf der Strecke von Cusco nach Machu Picchu, hat aber ebenfalls eindrucksvolle Inka-Ruinen zu bieten, die von der Invasion der Spanier, aber auch von einer romantischen Liebesgeschichte zwischen einem Quechua-General und seiner verbotenen Liebe zu einer Prinzessin am Hof des Herrschers erzählen.

Es pfeift. Und dann biegt er um die Kurve, der Hiram Bingham. Die meist acht von einer Diesellok gezogenen Waggons halten quietschend an. Das Personal — auf die 80 Passagiere kommen 25 Bedienstete — stellt Treppchen zum bequemeren Einsteigen bereit. So kommt man mühelos an seinem breiten Sitzplatz an, in dem Fahrgäste, die solchen Luxus nicht gewöhnt sind, erst einmal schüchtern versinken. „Wir wollen mit diesem Zug natürlich schon die Kundschaft für das obere Preissegment anlocken“, sagt Carla Peredes, PR-Frau von Perurail, der Bahngesellschaft, die den Luxuszug zusammen mit der Orient Express Gesellschaft betreibt.

Während Peredes sich in einem der Barwagen mit Livemusik und Aussichtsplattform an einem Mineralwasser festhält, bekommen die Gäste die Weinkarte gereicht.

Rechts der kurvigen Strecke wird die Vegetation immer üppiger. Es geht bergab. Vom atemberaubenden 3400 Meter hohen Cusco in den Bergdschungel von Machu Picchu. Beim Hauptgang geht es vorbei an wildromantischen Wasserfällen des Urubamba, der durch das Heilige Tal fließt.

An den ruhigen Stellen am Ufer finden sich emsige Zeugen des anderen Wegs in die vergessene Stadt. Indio-Sherpas waschen Zeltplanen und Schlafsäcke im Fluss und hängen sie an lange Wäscheleinen. In den Zelten lagen in den vorherigen Nächten die Touristen, die den puristischen Weg nach Machu Picchu gewählt haben, der vielleicht mehr ein Weg zu sich selbst ist: den Inka-Pfad.

Dort, wo der Luxuszug Bahnkilometer 84 passiert, überqueren die Wanderer den Rio Urubamba auf einer schmalen Hängebrücke. Ab diesem Punkt befinden sie sich auf dem Weg, den einst die Quechua für ihren Herrscher in den Felsen gehauen haben. Doch gegangen ist er ihn von der Hauptstadt seines Reiches, Cusco, nach Machu Picchu nie — er wurde immer getragen.

Diejenigen, die Monate zuvor bei einem lizenzierten Reiseveranstalter das Glück hatten, einen Platz für den Inka-Trail zu bekommen, müssen selbst laufen. Der Weg ist nichts anderes als eine kilometerlange Steintreppe, sie führt vorbei an den Ruinen von Inka-Wachposten und Siedlungen, an schneebedeckten 6000er Gipfeln der Anden, an tropischen Schluchten und den Zeltplätzen für die Touristen — treppauf, treppab.

Neben Campingtauglichkeit und Abenteuerlust brauchen die Fußgänger vor allem Kondition. Teilweise führt der Pfad auf 4000 Meter Höhe. Eine Woche Höhentrainingslager in Cusco ist daher wärmstens empfohlen.

Nach drei Übernachtungen im Zelt erreichen die Wanderer auf einem schmalen Bergrücken das Sonnentor, ehemals ein letzter Wachposten vor der „Stadt in den Wolken“. Die Zugfahrer treffen nach drei Stunden Schlemmerei auf der Fahrt durch ein einziges Fotomotiv in dem lieblos aus dem Boden gestampften Touristennest Aguas Calientes ein.

Für die Wanderer sind es noch 30 Minuten Fußmarsch, für die Zugfahrer 20 Minuten mit einem Bus. Der Massentrieb durch die Anlage geht vorbei am Sonnenstein — wegen einiger Zwischenfälle mit Esoterikern nur noch im Vorbeimarsch zu bestaunen — durch den Sonnentempel, den Inka-Palast samt historischer Spültoilette, durch die Wohnhäuser von Priestern und Prinzessinnen und vorbei an den faszinierenden, wie lebend wirkenden Mauern.

Unbedingt: Wenn es nachmittags ruhiger wird, ein Plätzchen suchen und für eine halbe Stunde innehalten. Nichts tun. Wie die Wärme eines Sonnenstrahls kitzelt die Magie von Machu Picchu jeden in der Nase. Die Worte Hiram Binghams, der Machu Picchu 1911 entdeckte und dem Luxuszug seinen Namen gab, klingen mit dem Blick auf die steinernen Reste einer Hochkultur nach: „In der Vielfalt seiner Reize und der Kraft seines Zaubers kenne ich keinen anderen Ort auf der Welt, der sich mit diesem vergleichen kann.“

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