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NRW: Polizei und Politik bekämpfen Taschendiebe

NRW : Polizei und Politik bekämpfen Taschendiebe

Die Landespolitik entdeckt das Deliktsfeld zunehmend für sich. Die Polizeibehörden haben bereits ausgeklügelte Konzepte.

Düsseldorf. Mehr als 54 500 Mal haben Taschendiebe in NRW 2015 zugeschlagen — ein Rekordwert. Davor möchten jetzt Landespolitiker die Menschen im Bundesland schützen: Die FDP-Fraktion beantragt in der heutigen Plenarsitzung, die Regierung solle eine Bundesratsinitiative auf den Weg bringen, um das Delikt schärfer zu sanktionieren. Denn bislang werde Fahrraddiebstahl härter bestraft als der Griff unter die Kleidung eines Opfers.

Die Landespolitik entdeckt da ein Kriminalitätsfeld für sich, das der NRW-Polizei in der Tat seit vielen Jahren viel Arbeit bereitet. Und zu dessen Bekämpfung es in den einzelnen Städten des Landes detaillierte Konzepte gibt. So hat gerade die Düsseldorfer Polizei eine Ermittlungskommission gegründet, die speziell Intensivtäter beim Taschendiebstahl verfolgt — und mit einer ebenfalls neu gegründeten Abteilung bei der Staatsanwaltschaft aus dem Verkehr zieht.

Die wohl längste Erfahrung mit der spezialisierten Jagd auf Taschendiebe hat aber das Präsidium in Köln. „Wir sind die Mutter aller Taschendiebstahl-Bekämpfer — etwa mit der Ermittlungskommission Tasna, serbokroatisch für Tasche, schon in den 90ern“, sagt Günther Korn. Er leitet das Kriminalkommissariat, das 2005 eigens zur Eindämmung des Taschendiebstahls gegründet wurde. Damals war die Domstadt mit über 12 000 Taschendiebstählen im Jahr in Relation zur Einwohnerzahl Spitzenreiter in Deutschland.

Seither gibt es ein genaues Lagebild für die Taschendiebstähle in Köln und Leverkusen, ein ziviler Einsatztrupp ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs. 2005 gelangen den Fahndern bereits 280 Festnahmen von Dieben auf frischer Tat. Korn: „Das ist wirklich schwer. Sie müssen so gut sein wie die Täter — und viele von denen fangen als Kinder an.“ Jeder Intensivtäter aus dem Deliktsfeld hat seinen eigenen Sachbearbeiter in Korns Kommissariat. „So wird die Information gebündelt.“ Und verschiedene Taten können in einem Verfahren behandelt werden. Seither, so berichtet der Kommissariatsleiter, gelinge es auch mal, einen 17-Jährigen nach zig Taten konsequent für drei Jahre in Haft zu bringen: „Das gab es vorher so nicht.“

Trotzdem gleicht die Arbeit der Kölner Ermittler mitunter einem Kampf gegen Windmühlen. Im Jahr 2014 nahmen sie zwar 1000 Taschendiebe in flagranti fest — fast viermal so viele wie zehn Jahre zuvor. Dennoch kletterte die Fallzahl sogar auf über 14 000.

Ein Trend, der sich in ganz NRW niederschlägt. Die Landesstatistik bietet aber auch Erklärungsansätze: Die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen stieg zwischen 2005 und 2015 von 1700 auf 3200 — der Anteil der nichtdeutschen Verdächtigen gleichzeitig von gut 60 auf zuletzt 80 Prozent. Bulgarien und Rumänien traten in dieser Zeit der EU bei — dass von dort mobile Tätergruppen anreisen, um Taschendiebstähle zu begehen, ist in den Polizeibehörden bekannt. „2011 kamen dann die Nordafrikaner dazu, die wir vorher überhaupt nicht auf dem Schirm hatten“, sagt Korn.

Derlei Probleme zu benennen, galt allerdings bei den Sicherheitsbehörden lange Jahre als Tabu — aus Angst vor der Stigmatisierung einzelner ethnischer Gruppen. Das, so Korn, hat sich zumindest in Köln seit dem Jahreswechsel 2015/2016 geändert. Und: „Seit der Silvesternacht sind die Zahlen kontinuierlich gesunken“, so der Chef-Ermittler. Geschuldet ist das wohl der massiven Präsenz in der Domstadt seither. „Viel Polizei bringt viel“, fasst Korn zusammen. „Die Szene hat sich beruhigt.“

Das wachsende Engagement der Politik hält Günther Korn dennoch wie viele seiner Kollegen in NRW für langfristig richtig. Diebe könnten noch immer oft unerkannt in jedem europäischen Land eine neue Identität angeben. Der Datenaustausch funktioniere grenzüberschreitend nicht verlässlich. „Das kann die Politik ändern“, so der Polizist.