Wahljahr 2017: Sigmar Gabriel: Der Mann, der jetzt endlich ernten will

Wahljahr 2017: Sigmar Gabriel: Der Mann, der jetzt endlich ernten will

Düsseldorf. Als Sigmar Gabriel zuletzt Anfang Dezember in Düsseldorf zu Gast war, hielt der SPD-Bundesvorsitzende auf dem NRW-Wirtschaftskongress ein Loblied auf das Bundesland. Gemessen an seiner Wirtschaftskraft, sagte Gabriel, hätte NRW Anspruch auf einen Platz in der G20 der Europäischen Union.

„Neun von 30 Dax-Konzerne sind hier beheimatet“, rief er in den Saal. Weil er weiß, dass der Mensch gemeinhin jene gut findet, die einem auch mal erzählen, wie toll man doch ist.

Gabriel hatte einen gelungenen Auftritt. Er kann das: sich aus dem Stegreif auf ein Publikum einschießen, ohne Papier sprechen und bildreich erklären, was er schlecht und warum er anderes besser findet. Das Problem ist nur, dass Gabriel auch dann nicht alle gut finden, wenn er gut ist.

Gut findet Gabriel selbst, dass seine Partei bis heute still gehalten hat beim Großauftrag Schweigegelübde in Sachen Kanzlerkandidatur. Die Proklamation der Genossen soll am 29. Januar stattfinden, dann wohl im Berliner Willy Brandt Haus, wenn der SPD-Vorstand zu einer zweitägigen Klausur zusammenkommt. Das Datum schwebt über der Partei, seit man sich am 12. Dezember auf diesen gewagten Fahrplan verständigt hatte, der aus den Erfahrungen von 2012 resultiert: Damals war Per Steinbrück in einer Art geheimen Sturzgeburt ein Jahr vor der Wahl ins Rennen geschickt worden. Und ging im Wahlkampf unter, weil jede Linie fehlte.

Ob die neue Linie noch drei Wochen Bestand haben wird, zeigt sich heute, wenn Gabriel zurück nach Düsseldorf kommt. In geheimer Sitzung mit der engeren Parteiführung könnte er zu einer Entscheidung gelangen. Oder eine solche auch nur mitteilen. Offiziell heißt es, die SPD-Granden werden über die Strategie im Wahljahr beraten. Um die Kanzlerkandidatur gehe es nicht. Ob Gabriel danach trotzdem als gekürter Kandidat zurück nach Berlin fliegt? Viele gehen davon aus.

Fest steht: Fast alle in der Partei wollen Gabriel, der dank seiner rhetorischen Fähigkeiten ein begabter Wahlkämpfer ist. Er hat die Rückendeckung des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, während der von der Parteilinken favorisierte interne Mitbewerber Martin Schulz angeblich schon hat verlauten lassen, dass er nicht mehr damit rechne, für die Kanzlerschaft zu kandidieren. Schulz, so hieß es am Montag, werde an dem Düsseldorfer Treffen gar nicht teilnehmen und stattdessen der Beerdigung des früheren portugiesischen Präsidenten Mario Soares in Lissabon beiwohnen. Kaum vorstellbar, dass der designierte Kanzlerkandidat die Strategie-Ausrichtung seiner Partei verpasst.

Dabei ist Schulz im Vergleich mit Gabriel der beliebtere Politiker: Nach einer jüngsten Emnid-Umfrage käme der Mann aus Würselen, der sich abseits des glatten Berliner Parketts im Brüsseler Alltag als führender Verfechter im Kampf gegen die EU-Abtrünnigen empfehlen konnte, in einer Direktwahl auf ein Ergebnis von 38 Prozent, Angela Merkel auf 39. Auf Sigmar Gabriel entfielen nur 27 Prozent.

Zur Erkenntnis der SPD, die Gabriel trotzdem favorisiert, gehört aber, dass sich auch Schulz’ Beliebtheit im Kandidaten-Fokus kaum halten ließe. An der Rampensau Gabriel perlt vieles ab. An dem unerfahrenen Bundespolitiker Schulz auch? Als fast sicher gilt, dass Schulz Außenminister als Nachfolger des designierten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier wird und sich in dieser Rolle womöglich für eine Merkel-Nachfolge bei der übernächsten Bundestagswahl warm laufen könnte. Wenn es denn zu dieser Konstellation käme.

Auch das schafft Sigmar Gabriel inzwischen: Die erste Reihe der SPD zu Ruhm zu führen. Der Coup, Steinmeier nach Bellevue zu geleiten, war Gabriels taktischem Geschick im Zweikampf mit Angela Merkel zu verdanken. Schulz auf Steinmeier im Außenminister-Amt folgen zu lassen — das wäre der nächste, wenn auch logischere personelle Zug der SPD. Alles scheint einem Masterplan zu folgen. Allein die Kanzlerkandidatur Gabriels passt nicht dazu.

Denn zur SPD-Wahrheit gehört auch: Alles, was Gabriel auch gelingen mag in jüngerer Zeit — es ändert weder etwas an seiner geringen Beliebtheit beim Wahlvolk noch an den wie in Stein gemeißelten jüngeren Umfragewerten der SPD, die seit Monaten zwischen 20 und 22 Prozent herumdümpelt. Gabriel führt die Partei seit sieben Jahren, da kommt er schwerlich umhin, den Umfrage-Stillstand verantworten zu müssen. Trotz Freihandels-Erfolg, trotz geretteter Arbeitsplätze im Fall Kaiser’s Tengelmann oder der Steinmeier-Beförderung: Es geht nicht voran.

Gabriel leidet unter seinem einst erworbenen Ruf als sprunghafter Politiker, als Fähnchen im Winde, impulsgetrieben und unkontrollierbar. Dabei kommt Rivalin Merkel gerade deshalb beim Wahlvolk noch immer ganz gut an, weil sie genau das berechenbare Gegenteil verkörpert: Konstanz und viel Ruhe in unruhigen Zeiten. Es wird die Frage sein, ob sich an dieser menschlichen Sehnsucht bis zur Wahl im September noch etwas ändert. Dann wäre Gabriel da.