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Paketfahrer, Pfleger: „Moderne Sklaverei“ in der Arbeitswelt

Paketfahrer, Pfleger : „Moderne Sklaverei“ in der Arbeitswelt

Ein Heer von Billigarbeitern sorgt dafür, dass das Land läuft. Betroffen sind Paketfahrer, Reinigungskräfte oder Osteuropäerinnen, die in Deutschland zu Hause pflegebedürftige Menschen versorgen. Stoff für Zoff.

Sein Arbeitstag in der Fleischfabrik ging von halb drei morgens bis fünf Uhr nachmittags. Untergebracht war er in einer überfüllten Wohnung, zusammen mit 16 Kollegen. Jeder musste über 200 Euro für ein Bett zahlen. „Da kommt man nicht zur Ruhe, irgendjemand macht immer Musik oder unterhält sich laut mit anderen.“ Vor zwölf Jahren kam der heute 37 Jahre alte Mann zum ersten Mal aus Rumänien nach Deutschland, und hat bei verschiedenen Firmen als Werkvertragsarbeiter gearbeitet.

Seinen Namen will er nicht nennen, wohnt inzwischen mit seiner Frau und seinen drei Kindern im münsterländischen Lengerich. Seine Erfahrungen fasst er so zusammen: „Das ist moderne Sklaverei.“ Heute arbeitet er in dem Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, der Arbeitsmigranten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen berät. Am Freitag eröffnete der Verein eine Beratungsstelle in Lengerich.

Initiator des Vereins ist der katholische Geistliche Peter Kossen, der sich seit vielen Jahren in Niedersachsen und NRW für die Rechte von schlecht bezahlten Arbeitsmigranten einsetzt. Diese Menschen müssen sich oft als Werkvertragsarbeiter verdingen. Das heißt, sie sind nicht bei dem Schlachthof oder der Wurstfabrik selber angestellt, sondern arbeiten über einen Subunternehmer bei der Firma.

Tönnies’ Schlachthofkonzern weist Kritik zurück

Inzwischen gibt es eine Selbstverpflichtungserklärung der Ernährungswirtschaft, es gibt gesetzliche Regelungen über einen Mindestlohn und die Auftraggeber haften für Verfehlungen der Subunternehmer. „Das hat alles nichts genutzt“, sagt Kossen.

Nach wie vor gebe es Tricksereien bei der Stundenerfassung, würden die Menschen um ihren Lohn gebracht. Immer noch müssten sie in völlig überfüllten und unzumutbaren Unterkünften leben. Die Arbeit mache diese Menschen krank, sagt Kossen. Auch er spricht von „moderner Sklaverei“. Es geht nicht nur um Rumänen, Bulgaren oder Polen, sondern auch um Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Und es geht längst nicht mehr allein um die Schlachthöfe.

Betroffen sind auch Paketfahrer, Reinigungskräfte oder Osteuropäerinnen, die in Deutschland zu Hause pflegebedürftige Menschen versorgen, berichtet Piotr Mazurek, der beim Projekt „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes arbeitet. Arbeitgeber unterliefen zum Beispiel den Mindestlohn, indem sie bei den Arbeitszeitaufzeichnungen herumtricksten.

Oder den Arbeitskräften werde ein Pensum aufgebürdet, das sie unmöglich in der regulären Arbeitszeit schaffen könnten. Etwa bei Paketfahrern: „Sie können es gar nicht schaffen, diese große Zahl an Paketen während der Arbeitszeit ausliefern – sie müssen also nach Feierabend weiterarbeiten“, sagt Mazurek. Die Folge sind immense Stundenzahlen bei dürftiger Bezahlung.

Die Arbeitgeberseite weist diese Vorwürfe zurück. Von Gewerkschaftern und Kirchenleuten vorgebrachte Beispiele seien oft „alte Kamellen“, sagt E. Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Ernährungswirtschaft. „Nach Zahlen des Zolls gibt es so gut wie keine Mindestlohnverstöße mehr“, sagt er. Oft genug könnten die Vorwürfe gar nicht bewiesen werden. Außerdem: Angesichts des Arbeitskräftemangels könne sich kein Unternehmen Tricksereien bei der Stundenabrechnung leisten: „Wenn die Leute nicht genügend verdienen, sind sie doch sofort bei Amazon.“

Der Sprecher des Schlachthofkonzerns Tönnies weist die pauschale Kritik ebenfalls zurück. „Bei Tönnies haben beispielsweise alle Mitarbeiter einen deutschen Arbeitsvertrag und arbeiten im deutschen Sozialversicherungsrecht“, sagt André Vielstädte. „Wir haben an vielen Standorten lokale Vereinbarungen für Sozialstandards, bieten Wohnraumkontrollen und Beratungsstellen an.“

In 2019 seien mehrere hundert Mitarbeiter direkt angestellt worden. Werkverträge seien ein wichtiges Instrument, um Arbeitskräfte zu gewinnen.